Jonathan Weider: Krawielitzki in der Kritik - Die Beantwortung der "Vandsburger Frage" anhand von Römer 6-8 (Bachelorarbeit 2011)

Jonathan Weider befasst sich in seiner 2011 fertig gestellten Bachelorarbeit mit dem besonderen theologischen Profil des Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverbands (DGD), wie es im Rahmen von dessen organisatorischer Gestaltwerdung in den Jahren von 1917-1923 durch mancherlei Auseinandersetzungen zum Ausdruck kam. Bei der damals so genannten "Vandsburger Frage" handelte es sich im Kern um den Vorwurf des "Pfingstgeistes", den Vorwurf des "Jesuitismus" und den Vorwurf des Eingriffs in fremde Arbeitsbereiche.

Weiders Leitthese ist, dass alle entscheidenden Konfliktthemen der damaligen Zeit auf ein spezielles Heiligungsverständnis von Theophil Krawielitzki zurückzuführen sind. Dies wird besonders anhand von dessen Auslegung von Römer 6-8 deutlich gemacht. Hier lehrt Krawielitzki grundsätzlich ein Stufenmodell der Heiligung, nach dem man "durch Röm. 7 nach Röm. 8 durchbrechen" muss. Dies wird nun aber nicht mit einem speziellen Heiligungserlebnis verbunden, sondern als prozesshafter Weg des fortschreitenden Ich-Zerbruchs verstanden, bei dem das geheiligte Leben irgendwann das Übergewicht bekommt (ohne allerdings jemals in diesem Leben zum Ziel zu kommen).

Auf diesem Hintergrund deutet Weider den Vorwurf des "Jesuitismus" an den DGD als Konsequenz einer Anthropologie, die den Menschen quasi prozentual in "Fleisch und Geist" aufteilt, um dann durch Seelsorge den Bereich des Fleisches zurückzudrängen. Dies hatte zumindest von außen betrachtet tatsächlich manche Ähnlichkeit mit jesuitischer Seelenführung.

Auch der Streit um den Eingriff in fremde Gnadauer Arbeitsbereiche wird von Weider in seiner Wurzel als logische Konsequenz dieser Fleisch-Geist-Theologie begriffen, da erst durch diese Unterscheidung ein elitäres Selbstbewusstsein geschaffen wurde, das zu einer eigenen Form von Frömmigkeit führte, die nicht mit bestehenden Landeskirchlichen Gemeinschaften vereinbar war, sondern sich teilweise in subtiler Weiser geistlich über sie stellte.

Grund dafür, dass sich auch noch viele Jahre nach der 1911 erfolgten Trennung von der Pfingstbewegung der Vorwurf hartnäckig hielt, Krawielitzki sei ein heimlicher Pfingstler, ist nach dem Ertrag dieser Arbeit vor allem die bleibende starke Übereinstimmung mit der Pfingstbewegung im Bereich der Pneumatologie, vor allem im Hinblick auf die starke Sehnsucht nach erfahrbaren Wirkungen des heiligen Geistes. Allerdings - so arbeitet Weider heraus - wechselte Krawielitzki nach 1911 die Blickrichtung: während die Pfingstbewegung die Wirkungen selbst betonte, konzentrierte sich Krawielitzkis Blick auf "das noch zu tötende Fleisch", also auf die Bereiche, über die der Heilige Geist noch keine Herrschaft ausübt. Die Heiligungslehre des DGD bekam dadurch keine enthusiastische, sondern eher eine frustriert-ernüchterte Prägung, so dass man sie als "pessimistische Heiligungstheologie" bezeichnen könnte.

Für die Gemeinschaftsbewegung bedeutete die Konfrontation mit Krawielitzki in den 1920er Jahren zugleich die kritische Auseinandersetzung mit ihren eigenen theologischen Wurzeln in der Heiligungsbewegung, die sie erfolglos hinter sich zu lassen versuchte. Erst nach dem 2.Weltkrieg hat sich im DGD die hier von Jonathan Weider erhellte Heiligungstheologie langsam über Jahrzehnte hinweg verflüchtigt, so dass die hier aufgearbeiteten Konflikte heute nur noch aus theologiegeschichtlicher und kirchenhistorischer Sicht interessant sind.

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