Als eigentlicher Gründer des Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverbandes gilt bis heute Pfarrer Carl Ferdinand Blazejewski, der am 20.10.1899 die ersten jungen Frauen in sein Pfarrhaus in Borken/Ostpreußen aufnahm, um sie im Geist der aufstrebenden west- und ostpreußischen Gemeinschaftsbewegung zu Diakonissen auszubilden. Da Blazejewski weiterhin seine pfarramtlichen Tätigkeiten ausführen musste, wurden die Schwestern-Schülerinnen aber die meiste Zeit von seiner Frau Wilhelmina unterrichtet, angeleitet und geprägt. Wer war diese Frau, die dem "Vandsburger Werk" - und damit später indirekt auch Tabor! - in den ersten Jahren einen entscheidenden Stempel aufdrückte, die aber im Bewusstsein des Werkes schon bald in Vergessenheit geriet?
Am 1. Mai 1851 wird in Utrecht (Niederlande) Wilhelmina Clasina Campagne geboren. Sie ist die erste Tochter von Carel Campagne und seiner Frau Maria, geb. Houtzagers. Im Oktober 1864 zieht die Familie nach Arnhem um und dort verliert sich ihre Spur. Aus ihrer Kindheit und Jugendzeit gibt es keine Überlieferungen. Es ist nur bekannt, dass Wilhelmina wohl längere Zeit in einem Krankenhaus gearbeitet haben muss.
Im Januar 1890 heiratet Wilhelmina den aus Westpreußen stammenden Carl Ferdinand Blazejewski in Rotterdam. Carl Ferdinand ist zu dieser Zeit Marinepfarrer. Kurz nach der Hochzeit bricht sein Schiff zu einer eineinhalbjährigen Reise in die Karibik auf. Wilhelmina, die ihre Heimat und Familie verlassen hat, lebt derweil alleine in Kiel. Als sie im Januar 1891 ihr erstes Kind Carl Ferdinand (jun.) entbindet, befindet sich sein Vater in Kingstown auf St. Vincent in der Karibik. Erst im August 1891 kehrt er wieder nach Kiel zurück.
Doch auf der jungen Familie lastet eine ungewisse Zukunft. Carl Ferdinand bittet aus gesundheitlichen Gründen um seine Entlassung aus der Marine. Eine Diabetes-Erkrankung macht einen weiteren Dienst auf See unmöglich. Seinem Gesuch wird stattgegeben.
Im Mai 1892 ziehen sie nach Borken/Ostpreußen. Carl Ferdinand kann dort eine Landpfarrei übernehmen. Für ihn steht fest: "Mein Ruf geht nach Borken." Und so akzeptiert auch Wilhelmina, die Städterin, den Umzug der Familie in diese sehr ländlich geprägte Gegend im äußersten Winkel des Deutschen Reiches.
Das Paar kommt in Ostpreußen in eine besondere kirchliche Situation, und für die beiden nimmt eine weit reichende geistliche Entwicklung ihren Lauf. Sie kommen in Borken mit Menschen aus der Gemeinschaftsbewegung zusammen und lernen deren Frömmigkeit kennen. Besonders die Lektüre von John Bunyans "Pilgerreise" bewegt sie sehr. Carl Ferdinand wird von einer großen Unruhe erfasst. Wilhelmina schreibt dazu: "Uns beiden war der Zustand unerklärlich, weil wir von Bekehrung nichts wußten. In Borken fing mein Mann an, ruhelos zu arbeiten, und war ein eifriger Bußprediger. Der Kirchenbesuch war sehr groß. Um sieben Uhr schon stellten sich die Leute ein, auch die Gläubigen waren seine Zuhörer, doch von Bekehrung sprach er noch nicht." Noch im Sommer 1892 erlebt Carl Ferdinand selbst seine Bekehrung. Wilhelmina folgt ihm auch auf diesem Weg.
Das Pfarrhaus in Borken wird dadurch bald zu einem Zentrum der Erweckungsbewegung in Ostpreußen. Blazejewskis haben ein offenes Haus. Oft sind Gäste zu Besuch, es werden intensive Glaubensgespräche geführt und es wird viel gebetet. Wilhelmina wie auch ihr Mann erleben in den folgenden Jahren eine geistliche Entwicklung im Sinne der ostpreußischen Gemeinschaftsbewegung, die geprägt ist vom Streben nach eigener Heiligung. Als Pfarrer wird Carl Ferdinand Blazejewski zu einer tragenden Figur dieser Bewegung.
Die Schritte dieser Entwicklung werden deutlich, wenn man einige persönliche Berichte anschaut. Carl Ferdinand nahm im August 1893 an einer christlichen Studentenkonferenz in Frankfurt (Main) teil. Fast täglich schreibt er seiner Frau über seine innere Auseinandersetzung.
11. August: "Hier in Frankfurt lerne ich erst erkennen, wie ich mich selbst liebe und nicht den Herrn. Damit ist viel, viel gewonnen. Jetzt heißt es in diesem Punkt anders werden."
13. August: "Der Herr hat mein Herz erfaßt und mir meine Sünde aufgedeckt. Bete für mich, daß ich unter der Zucht des heiligen Geistes bleibe. Wie danke ich dem Herrn, daß Er mich hierher geführt und so mich innerlich vertieft hat! Er helfe mir weiter in der Heiligung."
14. August: "Ich merke, wie unreif ich bin, der Herr hat mich zusammengebrochen und ich bitte um die Gnade, daß ich demütig, stille, einfältig vor ihm werde. Hoffentlich wirst Du bei meiner Rückkehr sagen, daß ich ein anderer geworden bin."
16. August: "Mir ist unsäglicher Segen geworden. Zwar das erkenne ich, ich muß von vorne anfangen, aber so ist es des Herrn Wille. Ich muß Ihm sterben, damit ich für Ihn lebe. Er gebe Seinen Segen dazu! Glaube auch Du, daß dies nur der Weg zur Höhe ist. Ihm sei Ehre. Ich bin so freudig."
Im Rückblick auf diese zentralen Erfahrungen schreibt Wilhelmina später: "Nach seiner Rückkehr war meines Mannes Predigtweise eine ganz andere geworden. Er predigte den nackten Glauben und stieß dadurch die alten Bekehrten, welche nur von Buße alles erwarteten, ab, so daß sie sich zurückzogen. Er arbeitete aber eifriger denn je. Jesus war ihm der erste geworden."
Das Ehepaar erlebt in der Folgezeit einen geistlichen Aufbruch in der eigenen Gemeinde wie auch in der ganzen Umgebung. Carl Friedrich ist oft zu missionarischen Vorträgen unterwegs. Seine Motivation ist nun "Seelen zu retten". Im Januar 1895 schreibt er: "Seit Weihnachten schenkt mir der Herr eine große Erweckung, ca. 150 Personen sind bis jetzt zum Frieden und zur Freude Jesu gekommen."
An der Seite ihres Mannes nimmt Wilhelmina Blazejewski anscheinend fast selbstverständnlich an dieser Glaubensentwicklung teil und wird für ihr weiteres Leben entscheidend geprägt. Als dann im Jahre 1899 die Gründung eines Gemeinschafts-Schwesternhauses immer dringlicher wird, ist es für sie klar, dass auch sie dieses Anliegen voll vertritt.
Anfang Februar 1899 findet in Danzig eine Regionalkonferenz der westpreußischen Gemeinschaftsbewegung statt. Dort entscheiden einige Pfarrer, die Gründung eines ersten Schwesternhaus in Angriff zu nehmen, das vom Geist der Gemeinschaftsbewegung, d.h. von den Anliegen der Evangelisation und Heiligung, geprägt sein soll. Carl Ferdinand Blazejewski wird damit beauftragt, sich mit organisatorischen und inhaltlichen Fragen, welche die Führung eines solchen Hauses betreffen, vertraut zu machen.
Nach mannigfachen Vorbereitungen ist es dann soweit. Am 20. Oktober 1899 beginnt im Pfarrhaus in Borken mit vier jungen Frauen die Arbeit des Gemeinschafts-Schwesternhauses. Die Familie (es sind in der Zwischenzeit noch zwei Töchter geboren worden) hat ihr Haus geöffnet und die ersten Schwestern leben nun mit ihnen in einem Haus.
Wilhelmina Blazejewski stellt sich mit ganzem Herzen der Herausforderung. Familienleben und das Leben des Schwesternhauses gehen grenzenlos ineinander über, es ist alles eine Familie. Wenn sie nicht den gleichen Auftrag Gottes verspürt hätte wie ihr Mann, wäre das sicher nicht möglich gewesen. In ihrem Nachruf schreiben die damaligen Verantwortlichen 1929: "Frau Pfarrer Blazejewski ist seinerzeit in Borken bei Bartenstein (Ostpr.) in selbstverleugnender Liebe und Hingabe den ersten Schwestern bei der Gründung unseres Diakonissenwerkes eine rechte Mutter gewesen. Die Pfarrfamilie beschränkte sich auf das allernotwendigste an Wohnräumen, um so für die Schwestern Raum zu machen, und teilte all ihren Besitz mit ihnen."
Zudem sind die Einnahmen für das Schwesternhaus damals nicht geregelt. Es gibt keinen Finanzierungsplan. Um Kollekten soll nicht gebeten werden und es sollen auch die damals wohl üblichen Basare nicht abgehalten werden. Man erwartet, dass Gott ihnen durch Menschen die Unterstützung, die man benötigt, zukommen lässt: "Wir trauen es Ihm zu, dass Er Seinen Kindern es ins Herz geben wird, für die großen dazu erforderlichen Mittel ihre Hände Ihm freiwillig zu füllen, gerade so, wie Er uns so reichlich die Schwestern sendet und so freundlich die Türen zum Dienst öffnet" .
Zu den vielfältigen Aufgaben im Haushalt übernimmt Wilhelmina wesentliche Teile des Schwesternunterrichtes. Carl Ferdinand Blazejewski unterrichtet die theologischen Fächer, Wilhelmina Haushaltsführung, Hausordnung, Krankenpflege und anderes mehr.
Schon bald aber legt sich ein tiefer Schatten über das Leben von Wilhelmina und der jungen Schwesternschaft. Carl Ferdinand Blazejewski stirbt unerwartet am 24.5.1900. Nun ist Wilhelmina allein mit ihren Kindern (zwischen drei und acht Jahren) und den mittlerweile neun Schwestern. Wie soll es jetzt weitergehen? Trotz Trauer und tiefem Schmerz über den Verlust ihres Mannes entscheidet sie sich, die Schwesternarbeit weiterzuführen. Zuerst bleiben sie im Pfarrhaus in Borken. Im November 1900 siedeln dann alle gemeinsam in das neu errichtete Schwesternhaus nach Vandsburg (Westpreußen) um. Der dortige Pfarrer Theophil Krawielitzki übernimmt nun die Leitung. Ein Chronist beschreibt die Zwischenzeit: "Dazwischen aber lagen Monate schwerer Prüfung und Sichtung für die kleine Schwesternschar und ihre Leiterin. Fast ohne alle geistliche Versorgung und ohne regelmäßigen Unterricht mussten sie sich der Hand des Herrn überlassen. Dazu war Frau Pfarrer Blazejewski körperlich durch den plötzlichen Tod ihres Gatten aufs Schwerste mitgenommen und für lange Zeit fast unfähig, dem Ganzen vorzustehen, bis der Herr sie bei einem Aufenthalt in dem christlichen Erholungsheim zu Bahnau durch Gebet wieder aufrichtete." Diese Zeilen lassen nur erahnen, was in Wilhelmina vorgegangen sein muss. In ihrer tiefen und vertrauensvollen Gottesbeziehung findet sie die Kraft zum Durchhalten und Weitermachen.
Unterdessen wächst die Zahl der Schwestern stetig. Ende 1901 gehören bereits 19 Frauen zur Schwesternschaft. Die Aufnahme und Unterweisung der Schwestern liegen auch weiterhin bei Wilhelmina. Die Anforderungen werden immer größer. Zwar übernimmt Theophil Krawielitzki nun die geistliche Ausbildung der Schwestern, aber auch er muss sich hauptsächlich um seine Pfarrstelle in Vandsburg kümmern, und seine Zeit ist begrenzt.
Im Frühjahr 1903 legt Wilhelmina die Arbeit im Schwesternhaus nieder. Die Zahl der Schwestern ist bereits auf 63 gestiegen , einige arbeiten bereits auf auswärtigen Stationen, einige sind zur Pflegeausbildung in einem Krankenhaus in Ems (heute: Bad Ems), das von Berner Schwestern geleitet wird. Wahrscheinlich übersteigt dies alles ihre Kräfte. Sie zieht mit ihren Kindern nach Steglitz bei Berlin um, damit die Kinder dort die höhere Schule besuchen können. Aber auch dort zieht sie sich nicht ins Privatleben zurück, sondern engagiert sich aktiv in der Gemeinschaftsarbeit vor Ort. In ihrem Haus finden Bibelstunden statt und die missionarische Arbeit bleibt ihr ein Herzensanliegen. Auch steht sie in dieser Zeit mit Schwestern des Gemeinschafts-Schwesternhauses in engem Kontakt. Die Beziehungen, die in den Jahren des intensiven Zusammenlebens und Zusammenarbeitens entstanden sind, tragen weiter.
So führt der weitere Lebensweg Wilhelmina Blazejewski 1912 nach Marburg. Schon im Jahr 1908 hat Krawielitzki in Marburg das Diakonissen-Mutterhaus Hebron gegründet und ist auch selbst (nach Aufgabe seines Vandsburger Pfarramts) mit seiner Familie dorthin umgesiedelt, um die neue Zweiggründung zu fördern. Das Werk, das so bescheiden im Borkener Pfarrhaus begonnen hat, umfasst 1912 mittlerweile 400 Diakonissen in drei Diakonissenmutterhäusern (Vandsburg, Marburg und seit 1909 auch in Gunzenhausen), dazu kommt als kleinstes Pflänzchen das 1909 gegründete Marburger "Brüderhaus Tabor". Aus der ehemals nur regional orientierten westpreußischen Mutterhausgründung ist der "Deutsche Gemeinschafts-Diakonieverband" entstanden.
Nachdem alle Kinder verheiratet sind, zieht Wilhelmina schließlich zu den Schwestern ins Marburger Mutterhaus Hebron und lebt und arbeitet mit ihnen. Als sie pflegebedürftig wird, versorgen sie die Schwestern. Am 18. Januar 1927 stirbt Wilhelmina Blazejewski und wird zwischen Schwestern auf dem Marburger Hauptfriedhof beigesetzt.
Pfarrer Jonathan Paul aus Steglitz bei Berlin, ein Gründungs- und Vorstandsmitglied des Gemeinschafts-Schwesternhauses, schreibt zu ihrem Tod folgende Zeilen:
"Wir stehn an ihrem Grabe, in Andacht betend still,
Weil Jesus eine Gabe ins Herz uns legen will.
Es mag ein Menschenleben wohl im Verborgnen sein,
Doch kann sich’s Gott ergeben, und ihm zum Dienste weihn.
Einst hat in heil’ger Stunde ein Weib gesalbt dem Herrn;
Man hört aus Jesu Munde ihr Urteil immer gern.
Er sprach: "Lasst sie mit Frieden!" Die, was sie konnte, tat.
So hat auch sie hienieden gedient nach Gottes Rat.
Herr, hilf mir, dass ich tue allzeit, was Dir gefällt.
Bis Du zur ew’gen Ruhe mich holst aus dieser Welt!"
Die Leitung der Liebenzeller Mission schreibt in ihrem Kondolenzbrief folgende eindrückliche Worte über die Verstorbene: "Der Herr hat diese teure Schwester zu einer Segensträgerin gemacht, und ihre Werke folgen ihr nach. Ihr verliert eine betende Mutter an ihr, und doch verliert Ihr sie auch nicht; denn der Same, den sie ausgestreut hat, ist ja aufgegangen und wirkt sich weiterhin aus unter des Herrn Segenshand."
"Es geht durch unser Vaterland durch Gottes Gnade eine wunderbare Bewegung, die Gemeinschaftsbewegung. … Überall bilden sich Gemeinschaften und damit bilden sich auch zu gleicher Zeit Bedürfnisse. Dürfen wir an diesen ohne Weiteres vorübergehen? Wir wissen, daß unter den vielen Schwestern, die aus den Gemeinschaften hervorgehen, das Bedürfnis nach einem Gemeinschafts-Schwesternhaus besteht. … Bis jetzt stehen in der Arbeit an unseren Gemeinschaften vorzugsweise Männer. Wir glauben aber, unsere Gemeinschaften bedürfen auch des, daß Frauen und Jungfrauen mehr mitthätig werden."
Carl Ferdinand Blazejewski formulierte mit diesen Worten die Vision, die eine kleine Gruppe Pfarrer in Ostpreußen im ausgehenden 19. Jahrhundert bewegte. Aber wir haben gesehen, dass es seine Frau Wilhelmina war, die diese Vision durch ihren Einsatz und ihr Vorbild in der Gründungsphase wesentlich mitgestaltete.
Die Gemeinschaftsbewegung hatte in Ostpreußen Fuß gefasst und in vielen Ortsvereinen und Kirchengemeinden prägte ein pietistisch-methodistischer Frömmigkeitsstil das geistliche Leben. Bekehrung und Heiligung wurden verkündigt und fanden bei vielen Menschen offene Ohren und Herzen. So war es auch der Wunsch etlicher junger Frauen, ihr Leben ganz Gott zur Verfügung zu stellen und sich in einen lebenslangen Prozess der Heiligung zu geben. Einige Frauen mit dieser Frömmigkeitsprägung traten in bestehende Diakonissen-Mutterhäuser ein, um so ganz Gott dienen zu können. Doch kamen sie mit ihrem Glaubensverständnis in den bestehenden Einrichtungen nicht zurecht und wandten sich mit ihrem Problem an ihre Ortspfarrer.
So sensibilisiert bewegte eine kleine Gruppe von Pfarrern die Gründung eines eigenen Gemeinschafts-Schwesternhauses, das ganz im Sinne ihrer Frömmigkeitsprägung geführt werden sollte. Es gab zwischen den Pfarrern einen regen Gedankenaustausch, in dem sie die Ziele und Arbeitsweise des eigenen Mutterhauses reflektierten. Carl Ferdinand Blazejewski konstatierte bereits im Februar 1899 in einem Brief an Theophil Krawielitzki:
"Der Gedanke, der uns beschäftigt, ist folgender:
1. Nur gläubige Mädchen
2. Hauseltern und Diakonissen bilden eine Familie, d.h. essen und arbeiten zusammen.
3. Das Ganze geht aus Glauben auf Glauben.
4. Die Mädchen werden in erster Linie für die Seelenpflege erzogen. Sie können also später in äußerer und innerer Mission (Krankenpflege, Versammlungshalten, Schlammarbeit) wirken. (Mission, Evangelisation und Gemeinschaftspflege verbunden). Die Mädchen können also, je nach Berufung, entweder als Heidenmissionarinnen, Evangelistinnen oder Diakonissen dienen."
Den eigenen Schwestern sollte eine ganz besondere Aufgabe zuteil werden, die über den Rahmen des damaligen Diakonissenwesens hinausging. Schwestern des Gemeinschafts-Schwesternhauses sollten in erster Linie Missionarinnen und Evangelistinnen sein. Die diakonische Arbeit sollte ihnen Möglichkeiten bieten, Menschen zu einem lebendigen Glauben einzuladen.
Aber es waren noch ganz andere Hindernisse zu überwinden. Man musste sich auch über Fragen der Führung und Organisation eines Mutterhauses intensiv informieren.
Pfarrer Paul gab den Anstoß: "Du musst jetzt eine Rundreise machen durch die deutschen gläubigen Diakonissenhäuser, du musst nach Bern zum Herrn Dändliker." Und schon stand Blazejewski vor einer großen Herausforderung. "Ich stimmte zu, obwohl ich nicht über die Mittel zu einer Schweizreise verfügte, sprach aber zu den Brüdern nichts in dieser Hinsicht. ‚Wenn es Deine Sache ist, und Du willst, daß ich in diese Sache eintrete, dann musst Du mir die Mittel zu dieser Reise geben, ohne daß ich einem Menschen etwas davon sage.’ Zu Hause wurde mir klar, daß auch meine Frau mitreisen müßte, weil das Schwesternhaus eine Familie bilden soll, und da viele Sachen bedacht werden müssen, welche nur eine Frauenhand erledigen kann. Die Schwierigkeiten wuchsen also eigentlich, sie wurden verdoppelt. Wir vertrauten aber dem Herrn, daß Er uns antworten würde."
Auf wundersame Weise kam das Geld für diese Reise zusammen und das Ehepaar Blazejewski besuchte verschiedene Mutterhäuser. "Wir fuhren und besuchten ein Diakonissenhaus und noch ein anderes (der Herr erwies uns viel Freundlichkeit, wir konnten nicht genug danken, wie alle Herzen bereit waren, uns dies und jenes zu zeigen)." Aber die finanziellen Schwierigkeiten holten die beiden wieder ein. "… und dann gingen wir eines Tages durch eine Straße, als meine Frau eine Kleinigkeit brauchte und kaufen wollte, und ich ihr gestehen mußte, daß ich nur noch 45 Pf. hätte. Und die Reise in die Schweiz lag vor uns!"
Das war eine große Glaubensherausforderung für das Ehepaar. Aber sie erlebten Gottes Fürsorge immer wieder ganz handgreiflich. Als sie ins Hotel zurück kamen, fanden sie einen Briefumschlag mit einem Geldbetrag vor. Der Umschlag trug nur die Aufschrift: "Ein Tröpflein aus der Fülle des Herrn.", der Geber blieb anonym.
Und so fanden sich immer wieder Geldbeträge in Stiefeln, die zum Putzen vor der Tür standen und in Brötchen eingebacken, die sie zum Frühstück verspeisten. In einem Reisebericht schreibt Blazejewski später: "Warum erzähle ich das? Es ist mir so wichtig, damit die Geschwister aus unseren Reiseführungen den Eindruck empfangen und die Gewissheit: Es ist der Herr, der es thut."
Am 7. März 1899 erschien im Gemeinschaftsboten, dem Organ des Vereins für innere Mission in Ost- und Westpreußen, folgende Einladung:

Aus der Gemeinschaft!
für den Herrn!
Aufruf zur Beteiligung an der Gründung eines
Gemeinschafts = Schwesternhauses.
Die Unterzeichneten sind zur Bildung eines Gemeinschafts=Schwestern=Verbandes zusammengetreten. Derselbe will einem in Gemeinschaftskreisen vielfach empfundenen Mangel durch die Gründung eines Gemeinschafts=Schwestern=Hauses abhelfen. Zudem wir für diese Sache eintreten, sind wir weit davon entfernt, irgendwie die Wirksamkeit der bestehenden Diakonissenhäuser stören und den Segen der Arbeit geringschätzen zu wollen. Wir wollen nur auch unsererseits mithelfen, der großen geistigen und leiblichen Not ringsumher zu steuern, indem wir für die vielen, in den Gemeinschaftskreisen vorhandenen Arbeitskräfte eine entsprechende Ausbildung und Verwertung ermöglichen wollen:
Das von uns geplante Gemeinschafts=Schwesternhaus kann in seinen wesentlichen Verhältnissen kurz folgendermaßen geschildert werden.
1. Es gewährt seinen Schwestern nach Kräften eine regelrechte Ausbildung, welche in gewissem Sinne der eines Diakonissenhauses entspricht.
2. Die Schwestern sollen in allererster Linie für Seelengewinnung und Seelenpflege erzogen werden. Die Ausbildung in der Krankenpflege, sowie die Ausübung derselben sind demnach diesem Gesichtspunkt unterstellt.
3. Die ausgebildeten Schwestern können je nach ihrer Berufung und Führung:
a) entweder in den Gemeinschaften als Diakonissen, resp. Evangelistinnen;
b) oder in der Heidenmission;
c) oder in sonstiger Diakonissenarbeit (Privatpflege, Krippe, u.s.w.)
dem Herrn dienen.
4. Es werden nur wirklich bekehrte Mädchen aufgenommen.
5. Die Arbeit, und die Unterhaltung der Arbeiter geht aus dem Glauben. Schulden werden nicht gemacht.
6. Hauseltern und Schwestern bilden eine Familie, d.h. wohnen in einem Hause und essen an einem Tische.
7. Das Haus dient auch, soweit es erforderlich und möglich ist, als "Erholungsheim" für andere Personen.
Alle welche auf diesen Grundlagen uns mit Rat und That unterstützen wollen, werden herzlich um ihre Fürbitte gebeten und zu einer Zusammenkunft auf
Mittwoch, den 22. März d.J. vormittags 9 ½ Uhr,
im Hause des Vereins christlicher, junger Männer,
Berlin, Wilhelmstr. 34
eingeladen. Damen haben Zutritt.
Die Besprechung wird vormittags eingeleitet durch P. Paul=Ravenstein über: "Unsere Gründe". Nachmittags leitet ein P. Blazejewski=Borken über "Unsere Arbeitsart".
Briefe werden erbeten an die unterzeichneten Agenten.
Das Comitè
P. Blazejewski P .F. Girkon P. M. Girkon
Agent des Comites. P. Krawielitzki P. Paul
Borken b. Bartenstein=Ostpr.
Bei diesem Treffen wurde der Entschluss zur Gründung bestätigt und konkrete Überlegungen wurden ausgetauscht. Im September schrieb Blazejewski an Krawielitzki: "Der Herr hat uns Klarheit gegeben, daß wir hier in Borken anfangen sollen. Wir geben zunächst 2, später 3 Räume ab und haben dadurch Platz für die Töchter. Der Herr mag seine Sache selbst führen! … Bruder bete für uns! Je näher der Termin rückt, desto größer erscheint mir die Aufgabe. Gib mir Winke, was Du für die evangelistische Ausbildung der Schwestern für nötig hältst! Wir dürfen etwa 12 -14 Stunden unter der Woche veranschlagen."
Schließlich ließ Wilhelmina Blazejewski in der Ausgabe des Gemeinschaftsboten vom 1. November 1899 dann offiziell verlauten:
"Durch Gottes Gnade ist am 20. Oktober cr. mit 5 Schwestern das Gemeinschafts=Schwesternhaus in Borken bei Bartenstein vorläufig eröffnet worden. Mit der Bitte um die Fürbitte der l. Geschwister verbinden wir die Bemerkung, dass das Haus für seine Arbeit und seine Bedürfnisse auf dem Glauben ruht. Anfragen u.s.w. sind zu richten an die Leiterin
Frau Pfarrer Blazejewski, Borken bei Bartenstein, Ostpr."
Aus allen Dokumenten geht immer wieder hervor, welch aktive Rolle Wilhelmina Blazejewski in der Gründungsphase des Gemeinschafts-Schwesternhauses gespielt hat. Sie war nicht nur an der praktischen Umsetzung beteiligt, sondern auch in die inhaltliche Konzeption voll einbezogen. "Hauseltern und Schwestern bilden eine Familie." Das Ehepaar nahm die ersten Schwestern in sein Haus und seine Familie auf. Man teilte Arbeit, Leben und Geld miteinander. Auch nach der Übersiedlung nach Vandsburg lebte Wilhelmina mit ihren Kindern unter den Schwestern. Wie radikal sie das dachte und lebte, wird an folgendem ihr zugeschriebenen Ausspruch deutlich: "Haben wir was, so haben auch die Schwestern etwas. Den Gegensatz ’nichts’ will ich nicht anführen, weil ich nicht glaube, dass Gott Seine Kinder Mangel leiden läßt und äußere Not." Dass der Start alles andere als einfach war, bestätigt auch ein Bericht aus dem Jahr 1927 über die Jahre der Gründung: "Gottes weiser Erziehungsplan stand gewiß auch dahinter, daß die Gaben für das Schwesternhaus in der ersten Zeit so sehr spärlich flossen. In Borken waren in den ersten Wochen ganze 120 Mark eingegangen, und doch hatte Blazejewski mit so herzlicher, kindlicher Dankbarkeit von diesen Gaben gesprochen. … Auch sonst herrschte in der Wirtschaft äußerste Sparsamkeit, und es wurde der Grundsatz, der übrigens bis auf den heutigen Tag im Werk besteht, daß den ganzen Tag über nur e i n Streichholz für eine Brennstelle verbraucht werden sollte."
Zu der materiellen Enge kam auch immer noch dazu, dass Tagesablauf, Unterricht und gemeinsames Leben erst "erfunden" werden mussten. Es ist nur zu ahnen, was das Ehepaar Blazejewski in dieser Phase an Herausforderungen zu bewältigen hatte. Ein typischer Tag im Schwesternhaus hatte folgende Struktur: "4.45 Uhr Aufstehen, 6 Uhr beginnt die häusliche Arbeit. 7 Uhr erstes Frühstück, danach Arbeit. 9 Uhr zweites Frühstück. 12.00 Uhr Mittagessen, danach Abspülen und verschiedene Arbeit. 2 Uhr Beginn des Unterrichts. 3.30 Uhr Vesper. 4-5 Uhr Unterricht, danach verschiedenes. 6 Uhr Abendbrot. 7 Uhr Versammlung, Helferstunde oder freie Zeit. 8.30 Uhr Andacht. 9 Uhr Schlafengehen."
Krisenhaft durchlebte Wilhelmina den frühen Tod ihres Mannes. Er starb im Alter von 38 Jahren, nachdem sie acht Monate zuvor die ersten Schwestern in ihr Haus aufgenommen hatten. Aber an diesem sensiblen Punkt in der Geschichte des Schwesternhauses blieb sie der Vision treu. Sie erwartete alles von Gott, und ein tiefes Vertrauen und eine bewusste Abhängigkeit von seiner Zuwendung kennzeichneten ihre Glaubenshaltung. Und das gab sie weiter. Am Nadelöhr der Geschichte eines heute weit verzweigten diakonischen Gemeinschaftswerkes führte sie den Faden weiter und gab sich in selbstloser Weise dieser Aufgabe hin.
Auch Krawielitzki hatte sich im Sommer 1900 auf einer Reise in die "deutschen bekehrten Mutterhäuser" über die Organisation und geistliche Prägung eines Mutterhauses informiert, bevor er die Leitung der Schwesternarbeit übernahm. Er hätte gerne eine Berner Schwester zur Unterstützung von Wilhelmina Blazejewski angestellt, aber keine der Schwestern, die der Leiter des Berner Mutterhauses Friedrich Dändliker fragte, stimmte zu. So wurde die junge Schwester Emilie Siekmeier, die im April 1900 in Borken eingetreten war, endlich im Oktober 1901 Wilhelmina Blazejewski für die Schwesternhaus-Leitung zur Seite gestellt. Doch die Zahl der Schwestern stieg schnell und Wilhelmina Blazejewski musste sich eingestehen, dass die rasant wachsende Arbeit neben der Versorgung ihrer drei Kinder über ihre Kräfte ging. Im Mai 1903 übergab sie vollends die Verantwortung für die inzwischen auf 60 Frauen angewachsene Schwesternschaft in die Hände von Theophil Krawielitzki und Emilie Siekmeier. Aber es war nur ein vorläufiger Abschied. Lebenslang blieb eine enge und herzliche Beziehung zu den Schwestern bestehen.
Walter Michaelis, der Vorsitzende des Gnadauer Verbands, schrieb nach dem Tod Wilhelmina Blazejewskis: "Meines Wissens bin ich mit der Heimgegangenen nur einmal zusammengetroffen bei einem kurzen Besuch im Pfarrhaus in Borken noch vor Beginn der Schwesternarbeit: aber ich weiß ja, was für eine entschlossene Jüngerin sie war und wie sie mitgeholfen hat, das erste Pflänzlein der Schwesternarbeit mit festen Händen in den Boden zu senken."
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