Der Gottesdienst in Landeskirchlichen Gemeinschaften

Der Gottesdienst ist häufig das Zentrum des Gemeindelebens, da sich dort alle Besucher einzelner Gruppen der Gemeinde treffen. Dementsprechend liegt viel Gewicht auf der Durchführung ansprechender und zielgerichteter Gottesdienste. Aus diesem Grund bedarf ein Gottesdienst der Planung, um ihn ausgewogen zu gestalten. 
Anders als in den Evangelischen Landeskirchen gibt es für den Gottesdienst in Landeskirchlichen Gemeinschaften (im weiteren Verlauf als "LKGs" abgekürzt) keine einheitliche Konzeption. Jede LKG hat die Möglichkeit, ihren Gottesdienst völlig frei zu gestalten und muss dazu keinerlei formale Vorgaben berücksichtigen. Deshalb gibt es unterschiedlichste Gottesdienstgestaltungen, die bisher kaum untersucht und analysiert worden sind. 
Aus diesem Grund habe ich eine empirische Studie auf der Grundlage einer Umfrage in verschiedenen LKGs zum Thema Gottesdienstgestaltung unternommen. Die Umfrage fand 2005/2006 durch Fragebögen statt, die an Hauptamtliche in LKGs des Bundes evangelischer Gemeinschaften (BeG) verschickt wurden.  Ausgewertet wurden 52 Fragebögen. 
Dieser Artikel soll die wichtigsten Ergebnisse der Studie präsentieren und beleuchtet dafür zuerst grundsätzliche Aspekte zum Gottesdienst und seiner Gestaltung. Anschließend werden verschiedene Einzel-Elemente des Gottesdienstes näher betrachtet und analysiert. In einem dritten Teil werden schließlich sonstige Beobachtungen erläutert und ausgewertet.

1.    Gottesdienst und Gottesdienstgestaltung

 

Bezeichnungen für Gottesdienst und Gottesdienstablauf
Schon anhand der Bezeichnung für die sonntägliche Veranstaltung kann das Verständnis von LKGs deutlich werden. In 47 der 52 Gemeinschaften wird der Gottesdienst auch als "Gottesdienst" bezeichnet. 12 Gemeinschaften sprechen vom Gottesdienst als "Gemeinschaftsstunde" und zwei von einem "Gemeinschaftsgottesdienst".  Auffällig ist, dass bis auf fünf Gemeinschaften die Bezeichnung Gottesdienst geläufig ist. 
38 Gemeinschaften bezeichnen das Programm im Gottesdienst als Gottesdienst- oder Gemeinschaftsstundenablauf und 21 reden von einer Moderation. Hieran kann deutlich werden, dass in der Mehrheit der Gemeinschaften der Gottesdienstablauf schon eigenständig wahrgenommen wird, d.h. der Gottesdienst mit allen Elementen als Ganzes gesehen wird, in das die Predigt eingegliedert ist. In sieben Gemeinschaften werden die Begriffe Vor-/Rahmenprogramm verwendet, in drei Ein-/Leitung und in zwei Gottesdienstprogramm. Keine Gemeinschaft gebraucht den Begriff Liturgie.


Uhrzeiten
Die Hauptuhrzeit der Gottesdienste in LKGs liegt am Vormittag (41mal). Am Nachmittag finden 15 und ab 18.00 Uhr 24 Gottesdienste statt.  
In vier Gemeinschaften finden auch entweder zwei Gottesdienste oder ein Gottesdienst und zusätzlich eine Gemeinschaftsstunde statt. Auffällig ist dabei, dass die Gottesdienste von Gemeinschaften mit einer hohen Besucherzahl tendenziell am Vormittag angesiedelt sind, und sie sich mit niedriger Besucherzahl eher auf den Nachmittag und den Abend konzentrieren. 
Ein Schwerpunkt bei Nachmittags- und Abendgottesdiensten ist bei Gemeinschaften nach Modell 1 (d.h., die sich als ergänzender Teil der Kirchengemeinde verstehen) zu beobachten. Gemeinschaften nach Modell 2 (d.h., die neben einem eigenständigen Gemeindeprogramm weiterhin Gottesdienste und Amtshandlungen in der Kirche nutzen) feiern sowohl vormittags als auch nachmittags und abends Gottesdienste, ohne einen besonderen Schwerpunkt aufzuweisen. Landeskirchliche Gemeinschaften, die Modell 3 zuzuordnen sind (d.h., die gemeindliche Vollversorgung anbieten), feiern dagegen überwiegend vormittags Gottesdienste.  

Gottesdienstgestaltung
Da es den Landeskirchlichen Gemeinschaften frei steht, wie sie ihre Gottesdienste gestalten, sind die Möglichkeiten entsprechend vielfältig. In 26 Gemeinschaften wird der Gottesdienst nach einem festen Konzept gestaltet. Zwei Gemeinschaften haben einen groben Ablauf oder einzelne feste Elemente. Dies drückt die Bedeutung und das Bewusstsein von Gottesdienstgestaltung in den Gemeinschaften aus, da es wichtig erscheint, den Gottesdienst zu planen und nicht der Beliebigkeit zu überlassen. Begründungen für den Aufbau des Gottesdienstes waren jedoch nur in sieben Konzepten zu finden. Durch eine nähere Betrachtung der beigelegten Gottesdienstabläufe stellte sich heraus, dass in vielen Gemeinschaften ohne Konzept oder Ablauf die Gottesdienste trotzdem fast immer gleich gefeiert werden. Hieran wird deutlich, dass Gottesdienste auch ohne durchdachten Ablauf oft nach dem gleichen Schema ablaufen. 
Dass so viele Gemeinschaften über ein Konzept für ihren Gottesdienst verfügen, lässt darauf schließen, dass sich die Gemeinschaften einmal mit dem Thema Gottesdienstgestaltung auseinander gesetzt haben, und ist positiv zu bewerten. Es könnte allerdings auch sein, dass viele Gemeinschaften nur einen Ablauf festgelegt haben, an dem man sich orientiert und so jeder Gottesdienst fast gleich abläuft. Hier wäre es sinnvoll, nicht nur einen Ablauf festzulegen, sondern auch Begründungen dafür zu suchen, damit der Gottesdienst nicht aus Tradition, sondern zielgerichtet aufgebaut ist. Kritisch ist anzumerken, dass die Gottesdienste auch in Gemeinschaften ohne festes Konzept häufig nach dem gleichen Muster ablaufen. Gerade hier wäre es notwendig, den Gottesdienstablauf bewusst zu reflektieren und festzuhalten, damit die Gemeinde sich nicht auf ungeschriebenen Gesetzen gründet, sondern hinterfragbar bleibt. Der Gottesdienst soll auf den Alltag der Menschen bezogen sein und diesen verändern. Wenn die Gottesdienste allerdings keine Veränderungen mehr hervorrufen, geht deren Sinn verloren.  Da Menschen und ihre Umgebung sich jedoch stets wandeln, können auch Gottesdienstabläufe nicht zeitlos sein. Es ist bemerkenswert, dass in 21 Gemeinschaften die Gottesdienstgestaltung kontinuierlich überarbeitet wird. In vier Gemeinschaften wurde sie erst in der letzten Zeit entwickelt. Die Angaben zur Gottesdienstgestaltung gelten in 25 Gemeinschaften jedoch schon seit mehreren Jahren. Da Konzepte aber nicht zeitlos sind , ist es sinnvoll, sie in regelmäßigen Abständen zu überprüfen und gegebenenfalls zu überarbeiten.
Auch in der Auswahl der Personen, die den Gottesdienst gestalten, haben LKGs völlige Freiheit. In 25 Gemeinschaften besteht ein Team, das die Gottesdienste gestaltet. Dagegen kann in 16 Gemeinschaften die Gottesdienstgestaltung von jedem, der möchte, übernommen werden. Auffällig ist hierbei, dass in 45,5% dieser Gemeinschaften ein festes Konzept vorhanden ist, an dem man sich orientiert. Nur in drei Gemeinschaften kann jeder, der möchte, den Gottesdienst völlig frei planen und gestalten. Die Hauptamtlichen/Ältesten sind in 32 Gemeinschaften mit an der Gestaltung beteiligt.  
Es ist positiv zu bewerten, dass häufig Teams am Gottesdienst beteiligt sind und so viele Menschen in die Gestaltung mit einbezogen werden. Hier wird angefangen, das Allgemeine Priestertum umzusetzen und die Gottesdienstteilnehmer aus ihrer Passivität zu befreien.  
Als Gesamteindruck wird deutlich, dass Gottesdienstgestaltung nicht willkürlich geschieht, sondern z.B. in fast der Hälfte der befragten Gemeinschaften ein Konzept besteht und Teams an der Planung und Durchführung beteiligt sind.

2.    Elemente eines Gottesdienstes

 

Gebete
Da beim Gebet die persönliche Beziehung zu Gott im Mittelpunkt steht, sollte es überlegt und nicht gedankenlos in das Gottesdienstgeschehen integriert werden. Die Intention des Gebets kann sehr verschieden sein (z.B. Anbetung, Fürbitte, Dank, Buße) und deshalb sollten Gebete bewusst eingesetzt werden. Die Person, die öffentlich betet, tut dies im Namen der Gemeinde. Aus diesem Grund sollte das Gebet so gestaltet sein, dass die Gottesdienstteilnehmer sich darin wieder finden und sich dem Gebet anschließen können.  Nicht alle Gebete müssen laut gesprochen werden. Es kann Zeiten der Stille geben, in denen die Teilnehmer für sich beten können. Gebete müssen nicht immer frei formuliert sein. Lieder, Psalmen oder fest formulierte Texte, die alleine, mit der Gemeinde oder im Wechsel gesprochen werden, helfen, bestimmte Dinge nicht aus dem Blick zu verlieren oder mitzubeten, wo eigene Worte fehlen. 
Das Vaterunser beten 32 der untersuchten Gemeinschaften in jedem Gottesdienst. Auffällig ist hier, dass es bis auf eine Ausnahme immer nach der Predigt gebetet wird. In 20 Gemeinschaften wird kein Vaterunser regelmäßig gebetet. Tendenziell wird das Vaterunser in Gemeinschaften nach Modell 3 häufiger gebetet als in anderen Gemeinschaften. Dies liegt wohl daran, dass diese Gemeinden eine selbständigere Arbeit leisten und deshalb einen höheren Bedarf an Liturgie haben als Gemeinschaften, die die Arbeit der Landeskirche ergänzen. Gottesdienstteilnehmer einer Gemeinschaft mit ergänzendem Dienst (Modell 2) besuchen häufig zusätzlich einen Gottesdienst in der Landeskirche, wo das Vaterunser gebetet wird.
Das Fürbittengebet kommt nur in 24 Gemeinschaften in jedem Gottesdienst vor. Davon steht es in sieben Gemeinschaften eher am Anfang und in 17 Gemeinschaften gegen Ende des Gottesdienstes. 28 Gemeinschaften haben das Fürbittengebet nicht regelmäßig im Gottesdienst integriert. In Bezug auf das Gemeindemodell lässt sich feststellen, dass das Fürbittengebet in Modell-1-Gemeinschaften in keinem Gottesdienst vorkommt. Bei Gemeinschaften nach Modell 2 kommt die Fürbitte fünfmal vor. In Gemeinden mit einer selbstständigeren Arbeit nach Modell 3 hat die Fürbitte mit 19 Nennungen einen größeren Stellenwert.
Die Anliegen, für die in den Gemeinschaften regelmäßig gebetet wird, sind sehr unterschiedlich. Vielfach wird für die eigene Gemeinde und persönliche Anliegen gebetet (jeweils 34-mal). Eher selten wird im Gebet an Mission (neunmal) oder an Weltgeschehen (15-mal) gedacht. Bis auf eine Gemeinschaft beten alle, die für Mission beten, auch gleichzeitig für das Weltgeschehen. Dieses Ergebnis zeigt eine starke Konzentrierung auf die eigenen Bedürfnisse und verdeutlicht, dass nur vereinzelt über den Tellerrand gesehen wird. Die Zentrierung im Gebet auf die eigene Gemeinschaft ist erschreckend, da gerade in christlichen Gemeinden mehr Weitblick und Weltoffenheit zu erwarten wäre. An diesem Ergebnis wird deutlich, dass auch in der Gemeinschaftsbewegung der Individualismus um sich greift und der Nächste leicht aus dem Blick gerät. An dieser Stelle würde es den LKGs gut tun, mehr Vorbereitung in die Fürbitte zu investieren, damit sich ihr Blickfeld erweitert, und öfter für die Nöte und Probleme der Welt (politische Belange, Unterdrückte, Arme,…) und der Mission gebetet wird. 
Ebenso wird kaum der Sündenvergebung (siebenmal) und Buße (viermal) im Gebet gedacht. Ein eigenständiges Sündenbekenntnis kommt sogar nur in einer Gemeinschaft regelmäßig im Gottesdienst vor. Hier stellt sich die Frage, ob die Bewältigung von Sünde im Leben der Gottesdienstteilnehmer in LKGs keine Rolle spielt. Das Sündenbekenntnis im Gottesdienst hat den Sinn, Gott alle Schuld abzugeben, um dann mit einer bereinigten Gottesbeziehung am Gottesdienst teilnehmen zu können. Wenn über Sünde im Gottesdienst jedoch nicht gesprochen wird, bleiben die Menschen mit ihr alleine. Bonhoeffer sah es als Gefahr, dass Christen zwar als Fromme zusammenkommen, aber nicht als sündige Menschen und deshalb jeder seine Sünde vor den anderen verbergen muss. Vor Gott darf man jedoch Sünder sein und ihm alle Fehler bekennen.  Eine bewusste Integration des Sündenbekenntnisses in den Gottesdienst sichert somit einen theologischen Kerngehalt und bewahrt vor Einseitigkeit.
Zur Zeit der Aufklärung wurde "das Bekenntnis des Sünderseins zunehmend als unschicklich empfunden."  Dieses Verhalten ist scheinbar auch in vielen LKGs wieder anzutreffen. Dagegen erinnert die Thematisierung von Sünde die Menschen immer wieder an die Vergebung Gottes. Gerade in unserer perfektionistischen Zeit mit hohen Ansprüchen an Menschen ist es befreiend, dass man Fehler machen und dies auch zugeben darf, ohne die Anerkennung und das Gesicht zu verlieren. Hier sollte die Gemeinde mit gutem Beispiel voran gehen und einen geschützten Raum schaffen, in dem Fehler und Versagen geäußert und vergeben werden können. Dies fördert auch das Bekennen von Schuld an Mitmenschen und die Vergebungsbereitschaft untereinander. Gemeinschaften sollten wieder lernen, sich auch als sündige Menschen zu begegnen und dies im Gottesdienst berücksichtigen. Sonst kommt es schnell dazu, dass Menschen mit ihrer Schuld alleine bleiben, da auch Christen noch Fehler machen. Gerade im Gottesdienst bietet es sich auch aus missionarischen Gründen an, Menschen darauf hinzuweisen, dass Gott alle Schuld vergeben möchte und man ein bereinigtes Gottesverhältnis haben kann.
Insgesamt überrascht es, wie eingeschränkt das Gebet im Gottesdienst vorkommt, vor allem wenn man bedenkt, dass LKGs ihren Ursprung in pietistischen Konventikeln haben, in denen ein großer Schwerpunkt auf dem Gebet lag. Hier besteht Handlungsbedarf, um ein ausgewogenes Gebetsleben in LKGs zu ermöglichen und nicht einzelne Aspekte zu vernachlässigen.


Glaubensbekenntnis
In neun Gemeinschaften wird ein Glaubensbekenntnis gesprochen. Allerdings spricht es nur eine Gemeinschaft jeden Sonntag. Manchmal oder in Verbindung mit dem Abendmahl wird in weiteren zehn Gemeinschaften der Glaube bekannt. Die Hälfte der Gemeinschaften (26) spricht jedoch nie ein Glaubensbekenntnis. Wenn dagegen ein Glaubensbekenntnis gesprochen wird, ist dies in der Regel (14mal) das Apostolische Glaubensbekenntnis. Eine Gemeinschaft spricht das Nizänische und in fünf Gemeinschaften gibt es unterschiedliche Bekenntnisse. Keine Gemeinschaft hat ein eigenes Glaubensbekenntnis entwickelt. Man kann eine Tendenz erkennen, dass das Glaubensbekenntnis häufiger in Gemeinschaften mit einer selbstständigeren Arbeit (Modell 3) vorkommt als in Gemeinschaften mit einem mehr ergänzenden Dienst (Modell 1 und 2). Die Gottesdienstteilnehmer der ersten Gruppe verstehen sich wahrscheinlich mehr als eigenständige Gemeinde und gebrauchen deshalb mehr liturgische Elemente. 
Generell wird eine eher geringe Bedeutung des Glaubensbekenntnisses in Landeskirchlichen Gemeinschaften deutlich. Dies könnte an der stärkeren Betonung des persönlichen Glaubens liegen. Andererseits bietet sich gerade durch ein gemeinsames Bekenntnis die Chance, die Einheit der christlichen Gemeinschaft zu verdeutlichen und den Gemeinschaftsgedanken mehr hervorzuheben, um sich nicht in der Individualität zu verlieren. Vielleicht wäre es eine Möglichkeit das Glaubensbekenntnis zu singen, von einem Chor vortragen zu lassen oder Einzelpersonen im Gottesdienst ihren Glauben bezeugen zu lassen. Es wäre vielleicht sinnvoll, statt nur das Apostolische Glaubenbekenntnis verschiedene Glaubensbekenntnisse einzusetzen oder eigene zu entwickeln.  Dann hätte man die Möglichkeit, öfter gemeinsam ein Glaubensbekenntnis zu sprechen ohne immer dieselben Formulierungen zu verwenden. An dieser Stelle kann die Gemeinde auch leicht aktiv in den Gottesdienst einbezogen werden. Dabei muss jedoch die regelmäßige Auslegung und Aktualisierung des Glaubensbekenntnisses bedacht werden.
Es ist überraschend festzustellen, dass gerade in Gemeinschaften mit einem jüngeren Altersdurchschnitt häufiger das Vaterunser oder ein Glaubensbekenntnis gesprochen wird als in Gemeinschaften mit einem hohen Altersdurchschnitt. Allgemein scheint das liturgische Bewusstsein in Gemeinschaften mit einem jüngeren Altersdurchschnitt größer zu sein. Daraus kann man verschiedene Schlussfolgerungen ziehen. Vielleicht erwacht das liturgische Interesse bei jüngeren Menschen wieder mehr. Dies könnte man zum Beispiel auch an den hohen Kirchentagsbesucherzahlen oder an der Begeisterung für Taizé sehen. Viele Menschen verspüren wieder einen Hunger nach Beständigem, um sich nicht vollständig in der Beliebigkeit zu verlieren. Aus diesem Grund sind vielleicht gerade jüngere Menschen wieder offener für feste Formen. Eine andere Schlussfolgerung könnte sein, dass gerade ältere Menschen von Landeskirchlichen Gemeinschaften noch das Bild einer Gemeinschaftsstunde haben, die nur als Ergänzung zum kirchlichen Gottesdienst gesehen wird. Dies ließe auch erklären, warum viele Gottesdienste nicht am Vormittag stattfinden. Wenn die Gottesdienstteilnehmer am Vormittag schon den kirchlichen Gottesdienst besuchten und dort das Vaterunser und ein Glaubensbekenntnis gesprochen haben, ist dies in der Gemeinschaftsstunde nicht mehr nötig. Zuletzt könnte das liturgische Interesse auch mit der Selbständigkeit der Gemeinde zusammenhängen. Gemeinschaften, die sich als eigenständige Gemeinde sehen, benötigen mehr liturgische Elemente als z.B. ergänzende Gemeinschaften.


Predigt
In allen Gemeinschaften ist die Predigt in jedem Gottesdienst ein fester Bestandteil. Dies zeigt das Gewicht an, das in LKGs auf der Predigt liegt. "Die Predigt ist definitiv das Herzstück eines modernen Gottesdienstes."  Es sollte allerdings nicht vergessen werden, dass die Predigt kein Monopol der Verkündigung besitzt. Lieder, Texte und Gebete können z.B. an die Seite der Predigt treten und das Evangelium verkündigen.  Häufig zeigt sich in der Praxis nämlich, dass Menschen genauso durch Lieder oder Gebete von Gott angesprochen werden wie von der Predigt. Aus diesem Grund sollten auch alle anderen Elemente des Gottesdienstes stets bewusst und voller Sorgfalt ausgesucht und vorbereitet und nicht nur als Nebensächlichkeiten zur Predigt gesehen werden. 


Abendmahl
Die Durchführung der Feier des Abendmahles ist in LKGs nicht offiziell festgelegt. In 22 Gemeinschaften wird das Abendmahl einmal im Monat gefeiert. In Abständen von 5-8 Wochen kommt es in 13 Gemeinschaften vor. Elf Gemeinschaften feiern einmal im Vierteljahr Abendmahl und in sechs Gemeinschaften findet das Abendmahl selten bis nie statt. Eine Verbindung zur Besucherzahl oder dem Durchschnittsalter besteht hierbei nicht. Da beim Abendmahl die Besucher aktiv am Geschehen mit beteiligt sind, ist es erfreulich, dass das Abendmahl in 46 Gemeinschaften mindestens alle drei Monate gefeiert wird. Die Besucher erleben sich als Gemeinschaft Jesu Christi und das Abendmahl macht Glauben konkret erfahrbar, da die anderen Elemente einen kognitiven Schwerpunkt haben. Bei der Durchführung herrscht eine große Einheit. In 44 Gemeinschaften werden beim Abendmahl die Abendmahlsworte gesprochen. Nur sechs Gemeinschaften haben dies nicht festgelegt. Es scheint ein starkes Bewusstsein für die Notwendigkeit einer liturgischen Ausgestaltung vorhanden zu sein. Die Einsetzungsworte stammen direkt aus dem Neuen Testament und scheinen daher in LKGs eine größere Berechtigung als sonstige liturgische Formulierungen zu haben. 

Informationen 
Die Informationen oder Abkündigungen haben die Aufgabe, die Gemeinde auf die nächste Woche und ihren Alltag vorzubereiten. Es werden die kommenden Veranstaltungen bekannt gegeben, damit sie den Teilnehmern im Gedächtnis bleiben. Über die Position der Informationen im Gottesdienst teilen sich die Meinungen. 29 Gemeinschaften geben ihre Informationen am Anfang des Gottesdienstes weiter, 21 Gemeinschaften eher gegen Ende. Wenn die Informationen allerdings schon zu Beginn des Gottesdienstes weitergegeben werden, wo man sich eigentlich erst auf Gott einstimmt, lenkt dies den Blick der Gottesdienstteilnehmer weg von Gott auf sich selbst und die Gemeinde. An diesem Punkt wäre es sinnvoll herauszufinden, welche Begründungen für die Platzierung der Informationen zu Beginn vorhanden sind und dies gegebenenfalls zu ändern. Eventuell sieht man die Informationen als unwichtige Sache an, die man möglichst schnell erledigen möchte, da sie in der Regel keinen theologischen Ertrag haben. Hier besteht jedoch die Gefahr, dass die Teilnehmer die Informationen bis zum Ende des Gottesdienstes schon wieder vergessen haben. In diesem Fall müssen die Informationen entweder noch einmal wiederholt werden, oder es wird in Kauf genommen, dass einige Informationen in Vergessenheit geraten.

Segen
Der Segen wird mit einer Ausnahme in allen Gottesdiensten gesprochen und gehört damit fest zu einem Gottesdienst dazu. Zusammen mit der Predigt bildet er das am häufigsten vertretene Element und zeigt seine Wichtigkeit in der Gemeinde auf. In allen Gemeinschaften mit einer Ausnahme ist festgelegt, von welcher Person der Segen gesprochen wird. Dies ist in der Regel entweder der Prediger (39mal) und/oder der Gottesdienstleiter (24mal).  Welcher Segen gesprochen wird, ist in vierzig Gemeinschaften frei wählbar. Auffällig ist jedoch, dass eine starke Tendenz (21-mal) trotz freier Wahl auf den Aaronitischen Segen hindeutet. 
37 Gemeinschaften sprechen den Segen den Gottesdienstteilnehmern als Zuspruch zu. Fünf Gemeinschaften sehen den Segen dagegen als Bitte an Gott. In 14 Gemeinschaften ist dies nicht festgelegt. Obwohl in 24 Gemeinschaften die Gestik beim Segen nicht festgelegt ist, stehen in 36 Gemeinschaften die Gottesdienstbesucher zum Segen auf. In 19 Gemeinschaften hebt die segnende Person eine oder beide Hände und acht davon machen anschließend ein Kreuzzeichen. Acht Gemeinschaften praktizieren den Segen ganz ohne Gesten. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass der Segen oft vom Prediger gesprochen wird. Dies ist auffällig, da die sonstigen Elemente des Gottesdienstes dem Gottesdienstleiter überlassen sind. Eventuell könnte das darauf hindeuten, dass man von der Vorstellung ausgeht, dass durch die Predigt und den Segen Gott persönlich wirkt und die anderen Elemente nicht von Gott, sondern von Menschen ausgehen. In diesem Fall besteht vielleicht die Meinung, dass der Prediger eine besondere Bevollmächtigung hat, die ihn zum Segenspenden berechtigt. Dies weist auf ein gewisses Amtsverständnis in LKGs hin. Hier wäre zu überlegen, ob dies nicht der Idee des Allgemeinen Priestertums widerspricht. Da in 36 Gemeinschaften die Gottesdienstteilnehmer zum Segen aufstehen, kann hier die besondere Bedeutung des Segens deutlich werden. Durch das Aufstehen wird die Ehrfurcht vor Gott ausgedrückt. Dies geschah früher auch bei Textlesungen und Gebeten im Gottesdienst, beschränkt sich heute aber größtenteils nur noch auf den Segen. 

3.    Sonstige Beobachtungen zum Gottesdienst

 

Bezug zum Kirchenjahr
Im Gegensatz zu Evangelischen Landeskirchen müssen LKGs nicht auf das Kirchenjahr eingehen. Trotzdem ist es erfreulich, dass dies vielfach geschieht. Am häufigsten (je 48-mal) wird auf Weihnachten und Erntedank Bezug genommen. Danach folgen Advent (45-mal), Ostern (41-mal), Karfreitag (38-mal) und Pfingsten (34-mal). Es ist überraschend, dass auf Erntedank häufiger eingegangen wird als auf Ostern als höchstes christliches Fest. Selten wird Palmsonntag (dreimal), Himmelfahrt (neunmal) oder Buß- und Bettag (zwölfmal) im Gottesdienst berücksichtigt. Alle Berücksichtigungen des Kirchenjahres sind gut über die Altersstruktur, die Gottesdienstzeiten und die Gemeindemodelle verteilt. Hier wird deutlich, dass viele Gemeinschaften auf die größten kirchlichen Feiertage eingehen. Dies ist von großer Wichtigkeit, da empirische Befunde zeigen, dass viele Menschen nur noch zu besonderen Anlässen wie z.B. Weihnachten und Ostern am kirchlichen Leben teilnehmen.  Wenn diese Feste in der Gemeinschaft nicht gefeiert werden, verliert sie einen wichtigen missionarischen und öffentlichkeitswirksamen Faktor. Viele der anderen Feste scheinen auch unter Christen an Bedeutung verloren zu haben. Die Abschaffung des Buß- und Bettages als öffentlichen Feiertag ist auch in den Landeskirchlichen Gemeinschaften größtenteils praktisch akzeptiert worden. Dies unterstützt die These, dass Buße und Gebet eine eher geringe Rolle in Gottesdiensten von LKGs spielen. Generell fällt auf, dass Gemeinschaften, die nach Modell 3 arbeiten, einen größeren Bezug auf das Kirchenjahr nehmen als Gemeinschaften nach anderen Modellen. Dadurch wird wieder die Eigenständigkeit der Gemeinde und die damit verbundene Notwendigkeit von liturgischen Elementen deutlich. 

Spontane Beiträge
Interessant ist das Ergebnis, dass in 39 Gemeinschaften im Gottesdienst Raum für spontane Beiträge gegeben ist. In elf Gemeinschaften sind keine spontanen Beiträge möglich. An diesem Ergebnis kann man erkennen, dass vielen Gemeinschaften Spontaneität ein Anliegen ist, welches im Gottesdienst berücksichtigt wird. Dieser Raum wird ebenso in Gemeinschaften mit einem festen Konzept als auch in Gemeinschaften ohne festgelegten Ablauf ermöglicht. Hauptsächlich wird er zum Weitergeben von persönlichen Erfahrungen (22-mal), Zeugnissen (19-mal) und Gebetsanliegen (16-mal) genutzt. Es ist auch möglich Ansagen zu machen (siebenmal) oder Grüße (achtmal) auszurichten. 
In beiden ausgewerteten Gemeinschaften mit über 175 Gottesdienstteilnehmern gibt es keinen Raum für spontane Beiträge. Dies hängt wohl mit der Größe der Gemeinschaft zusammen, da es bei so vielen Menschen schwierig wird, allen die Möglichkeit zu geben sich spontan zu äußern. Große Gemeinden brauchen mehr Strukturen, um nicht unübersichtlich und chaotisch zu werden. Hier haben es kleinere Gemeinschaften deutlich leichter, die Mitglieder aktiv mit einzubeziehen. Deshalb sollten sich große Gemeinden besonders damit beschäftigen, wie die Gottesdienstteilnehmer aktiv einbezogen werden können.

Fest formulierte Teile
Es ist festzustellen, dass nur 24 LKGs fest formuliertes Material verwenden. Fest formulierte Teile wären z.B. Gebete, Psalmen, Bekenntnisse und Lobhymnen. Viele ältere Texte vermitteln Weisheit und geistliche Erfahrungen, die eine große Ausstrahlungskraft besitzen und können deshalb gut im Gottesdienst verwendet werden. Sie wenden den Blick weg von der eigenen Person hin zu neuen Sichtweisen und können so zur Ausgewogenheit eines Gottesdienstes beitragen. Wenn fest formulierte Teile verwendet werden, entstammen sie in der Regel der Bibel (z.B. Vaterunser, Einsetzungsworte, Segen). Hier kann man den hohen Stellenwert der Bibel in LKGs erahnen und es schwingt der Gedanke mit, dass wenn schon etwas fest vorgegeben ist, es wenigstens aus der Bibel kommen sollte. Ausnahme bildet hierbei das Glaubensbekenntnis. Allgemein würde vielen Gemeinschaften mehr Offenheit gut tun, um andere und/oder eigene Texte und Gebete einzusetzen und damit zu variieren. Dadurch kann die Gemeinde aktiv mit einbezogen und beteiligt werden.

Kinder im Gottesdienst
In 36 Gemeinschaften nehmen die Kinder zu Beginn am Gottesdienst teil und dreimal die ganze Zeit.  In Gemeinschaften mit eigenem Kinderprogramm wird meistens im Gottesdienst auch auf die Kinder eingegangen (durch Kinderlieder, Kinderandacht oder Gebet für die Kinder).   Dies macht deutlich, dass die Gemeinde sich als Ganzheit versteht und versucht, die Kinder in den Gottesdienst zu integrieren. Besonders positiv finde ich, dass die Kinder nicht nur anwesend sind, sondern auch aktiv auf sie eingegangen wird. Daran wird erkennbar, dass die Kinder als Mitglieder der Gemeinde gewertet und beachtet werden. In 13 Gemeinschaften nehmen keine Kinder am Gottesdienst teil. Man kann hierbei eine leichte Tendenz auf sehr kleine oder sehr große Gemeinden feststellen. In kleinen Gemeinden gibt es wahrscheinlich häufig keine Kinder oder sie nehmen am ganzen Gottesdienst teil. Große Gemeinden haben eventuell Platzprobleme, so dass die Kinder schon zu Beginn des Gottesdienstes zum Kindergottesdienst gehen. 
In manchen LKGs finden auch gesonderte Familiengottesdienste statt, wobei sich der Ablauf häufig jedoch sehr vom regulären Muster unterscheidet. Die Kinder sind zwar im Gottesdienst dabei, werden aber nicht gleichzeitig in die normale Gottesdienstgestaltung eingeführt, sondern erleben nur besondere Gottesdienste. Dieser Mangel wird in vielen Gemeinschaften vielleicht durch die Teilnahme der Kinder zu Beginn des Gottesdienstes etwas ausgeglichen. Es sollte jedoch versucht werden, die Kinder mit den Elementen des Gottesdienstes vertraut zu machen und Elemente und Handlungen kindgemäß zu erklären und umzusetzen, um die Kinder in den Gottesdienst einzuführen. Dies wäre eine gute Möglichkeit, Kindern das Geschehen im Gottesdienst verständlich zu machen. Wenn sie später zu alt für den Kindergottesdienst sind, kennen sie sich in den Gottesdiensten aus und nehmen vielleicht eher am regulären Gottesdienst teil. Falls sie allerdings nie am Gottesdienst der Erwachsenen teilnehmen, wird ihnen später der Wechsel wahrscheinlich deutlich schwerer fallen.

Fazit
Die Studie hat gezeigt, dass eine zielgerichtete Vorbereitung des Gottesdienstes in Landeskirchlichen Gemeinschaften notwendig ist, um einen ausgewogenen Gottesdienst zu gestalten, in dem verschiedenste Aspekte berücksichtigt werden. Ohne ausreichende Überlegungen besteht die Gefahr, schnell in Einseitigkeit zu enden und Dinge aus dem Blick zu verlieren. Es wurde deutlich, dass hier in vielen LKGs ein Defizit besteht. Ein Gottesdienst besteht aus vielen Elementen, die zusammen ein Ganzes bilden, in dem der Grundgedanke oder das Thema des Gottesdienstes erkennbar wird. Die Umsetzungsmöglichkeiten dazu sind vielfältig und es ist von einem vorschnellen geregelten Ablauf abzuraten. Stattdessen ist Kreativität gefragt, um die Elemente den unterschiedlichsten Menschen angemessen zu vermitteln. Hier sind den Ideen des Einzelnen kaum Grenzen gesetzt, solange der Sinn eines Elementes im Blick behalten wird. Es sollte immer ein Ziel des Gottesdienstes sein, die Teilnehmer in den Gottesdienst mit einzubeziehen und aktiv werden zu lassen. Ein Gottesdienst ist kein Programm, bei dem die Gemeinschaft Zuschauer ist, sondern eine gemeinsame Gottesbegegnung, da ein Leben als Christ in Gemeinschaft praktiziert wird. Deshalb ist es wichtig, dass mehrere Menschen an der Gestaltung teilhaben. Außerdem wurde die Offenheit von jüngeren Menschen gegenüber liturgischen Elementen im Gottesdienst deutlich. Es wäre interessant herauszufinden, inwieweit den Landeskirchlichen Gemeinschaften dieser Trend bewusst ist. Hier bieten sich viele Möglichkeiten, die man nutzen kann, um Menschen mit dem Evangelium zu erreichen.

News

02. Mai 2013

Sponsorenlauf am 18. Mai 2013

Am 18. Mai findet auf Initiative der Studierenden ein Sponsorenlauf für unsere Hochschule statt - und Sie sind herzlich dazu eingeladen! Weitere Infos finden Sie hier auf unserer Homepage sowie auf unserer Facebook-Seite.

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01. Mai 2013

Buch des Monats Mai: Gott im Milieu (Heinzpeter Hempelmann)

Reinhard Brunner rezensierte für uns das Buch des Monats Mai, das laut Untertitel Antwort geben möchte auf die Frage, "Wie Sinusstudien der Kirche helfen können, Menschen zu erreichen". Lesen Sie die Rezension nun online.

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02. April 2013

Interessententag am 24. April 2013

Am 24. April 2013 laden wir wieder herzlich zu unserem Interessententag an der Evangelischen Hochschule TABOR ein. Alle Informationen dazu finden Sie nun online.

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02. April 2013

Buch des Monats April: Mein Bibellexikon (Michael Jahnke (Hrg.), mit Illustrationen von Thomas Georg)

Das Buch des Monats April, "Mein Bibellexikon", ist ein Lexikon für Kinder. Die Rezension, diesmal von einem unserer Studenten verfasst, steht nun für Sie online.

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