Kathinka Hertlein (Bachelor-Arbeit 2007)
Micah Challenge - Gottes Wille oder Social Gospel?!
Eine Beschäftigung mit der Integralen Mission am Beispiel von Micah Challenge
Die Milleniumserklärung der Vereinten Nationen hat das Ziel nachhaltige entwicklungs-politische Fortschritte in der Armutsbekämpfung zu erreichen und hat deshalb acht Milleniums-Entwicklungsziele (MDGs) festgelegt, um extreme Armut bis 2015 zu halbieren. Diesem Ziel verpflichtet sich auch Micah Challenge, eine evangelikale Initiative der World Evangelical Alliance und des Micah Networks, die nach Mi.6,8 die gesellschaftlichen Verantwortungsträger beim Erreichen der Entwicklungsziele unterstützen möchte. Außerdem möchte sie das Engagement von Christen für Arme stärken und die Verbreitung der Integralen Mission fördern.
Integrale Mission[1] bedeutet, dass soziale Aktion und Evangelisation gleichberechtigt nebeneinander stehen, wechselseitig aufeinander wirken und nur zusammen vollständig sind. Soziale Aktion hat evangelistische Konsequenzen und Evangelisation hat soziale Wirkungen. Dieser ganzheitliche und christozentrische Missionsansatz wird von vielen als innerweltliche Verkürzung beurteilt. Somit stellt sich die Frage: „Hat die christliche Mission einen Auftrag zu sozialer Aktion, wie er in der Integralen Mission im Kontext von Armut gelebt wird?" Dieser Frage wird im Folgenden kirchen- und missionsgeschichtlich, exegetisch-theologisch und missiologisch nachgegangen.
Der Pietismus und die evangelikale Bewegung können auf ein reiches sozialpolitisches Erbe zurückblicken. Beispiele hierfür können u. a. verschiedene pietistische Waisenhäuser und die Gründung der Inneren Mission und der Mutterhausdiakonie sein. Politisch wird die Allianz von Thron und Altar nicht hinterfragt. In Großbritannien erreicht der erweckte Wilberforce 1833 die Abschaffung der Sklaverei. Die prägenden Evangelikalen der USA, wie Edwards, Henry oder Graham nehmen immer wieder zu sozialen Fragen Stellung. Reflexiv zum überoptimistischen, utopischen und liberalen Fortschrittsglauben der Social-Gospel-Bewegung und zum liberalen, anthropozentrischen Glauben der Ökumenischen Bewegung, die das sola-scriptura-Prinzip preisgab, entwickelt sich die evangelikale Lausanner Bewegung für Weltmission im 20. Jahrhundert, die deshalb stark Evangelisation betont. Die Lausanner Bewegung sieht soziales Handeln als einen Auftrag an. Es gibt aber Unstimmigkeiten über das Verhältnis zur Verkündigung, die beibehalten werden. Dennoch entwickelt sich ein Integrales Missionsverständnis, das sich mit Armut beschäftigt.
Armut in der Bibel umfasst existentiell den ganzen Menschen.[2] Arme sind, weil sie wirtschaftlich, rechtlich und sozial einflusslos sind, häufig ausgebeutet und unterdrückt werden, meist hilfsbedürftig und schutzlos.[3] Armut besteht auch vor Gott, der um Hilfe angerufen wird (vgl. Ex.3,7f; Ps.25,16; 34,7), d. h. Armut ist auch geistlich. So ist ein Wesenszug des dreieinigen Gottes ein Anwalt der Armen zu sein und sich mit ihnen (Ps.72; 82) zu solidarisieren. Israel als sein heiliges Bundesvolk tut es ihm nach, d. h. Engagement für Arme entspringt der Gottesbeziehung. Arme haben als Gottesebenbilder die gleichen Menschenrechte, die ohne Unterschied bewahrt werden sollen (vgl. Gen.1,28; Spr.22,2; 29,13). Solidarisch werden die Armen versorgt. Gerade die Verantwortungsträger der Gesellschaft sollen darauf achten (Jer.22,16; Spr.29,14; Sach.11,7ff).[4] Die Sozialkritik der Propheten zeigt die Defizite hieran auf. Im Rahmen der Globalisierung sollten diese Worte auch an die Ohren von Christen dringen. Mit der Sendung Christi bricht die messianische Heilszeit an, die das Verhältnis arm - reich umwertet, denn Jesus stellt den demütigen Dienst an den Armen vor die soziale Anerkennung des Reichtums (vgl. Lk.14,7ff par). Jesus radikalisiert dieses Verhältnis weiter, indem er vor Geldgier, Genusssucht und der Vergöttlichung des Geldes warnt: Arme haben nichts, an das sie ihr Herz hängen können, deshalb binden sie sich exklusiv an Jesus (Mt.6,19ff; Lk.12,13ff; 21,1ff par). Im Vertrauen auf ihn und sein Versorgen können Christen deshalb abgeben, denn sie sind lediglich Haushalter. Es gilt dem Beispiel Christi zu folgen, der an den sozial und kultisch Deklassierten handelt und sich ihnen zuwendet, was auch die frühe Kirche tut (Mt.25,31ff; Apg.2,44f; 4,32ff; Röm.15,26; 2.Kor.8-9). Man kann also sagen, dass Armut ein Handlungsfeld für Christen darstellt, da sich Gott durch die ganze Heilsgeschichte den Armen und Hilflosen zuwendet und dasselbe auch für sein Volk möchte.[5] Das impliziert aber auch den gerechten Umgang mit Reichtum in Abhängigkeit von Gott. Hier haben Christen die Verantwortung solidarisch mit rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Mitteln umzugehen und sich dafür einzusetzen. Gerade die Verantwortung der Regierenden in diesem Bereich zeigt, dass Micah Challenge in ihrem prophetischen Amt sinnvoll und biblisch angemessen handelt. Es gilt jedoch zu beachten, dass Armut in der Bibel v. a. innerhalb Israels beschrieben ist - auch wenn sie sich durch die ganze Heilsgeschichte zieht, d. h. es geht um die Armut vor Gott[6].
Die Integrale Mission sieht u. a. Heil als ganzheitlich an, was hier am Begriff ש×?ָלֹו×? (Frieden, Ganzheit) erhellt wird. Schalom ist Gabe Gottes (Offb.6,4) und umfasst die gesamte Heilsgeschichte und wartet noch auf eschatologische Vollendung (vgl. Jes.52,7; 66,12). Es ist ein ganzheitlicher Begriff, an dessen Spitze das versöhnte Gottesverhältnis steht (1.Chr.12,19; Jes.26,3; 59,8), was christologisch zugespitzt wird (Hes.34,37; Lk.2,14; Röm.5,1; Eph.2,14ff). Es meint v. a. im AT allumfassendes Wohlbefinden und friedvollen sozialen Umgang (vgl. Jer.33,6ff; Sach.8,1ff; Ps.4,9; 73,7; Gen.37,4; Ri.8,9). Der gemachte Friede (εἰÏ?ήνη) in Christus schließt die gesamte Menschheit ein, stößt aber auch auf Ablehnung (vgl. Apg.10,34ff). Die Kirche hat nicht nur den Auftrag dieses Heil zu verkündigen, sondern auch in allen Beziehungen zu leben (Röm.8,6; 12,18; Kol.3,15; Jak.2,14ff)! So kann man Schalom m. E. als gelingendes Leben in all seinen Beziehungen beschreiben, was aufgrund der versöhnten Gottesbeziehung ermöglicht wird, auch wenn der materielle und körperliche Aspekt des Schaloms im NT zurücktritt und damit kein Wohlstandsevangelium gemeint ist. Deshalb ist ein wesentlicher Bestandteil der Mission das gelingende Leben in Christus, Schalom, mit Wort und Tat weiterzugeben. Das kann man an der Sendung des Sohnes sehen, der denen Schalom brachte, die an der Abwesenheit von Schalom in ihrem Leben gelitten haben, den Armen, Kranken, Außenseitern, Sündern, Heiden, Prostituierten etc.[7] Dabei hat er ihre Gottesbeziehung und auch ihre sozialen Beziehungen erneuert (Lk.19,1ff).[8] Angemessen ist das allerdings nur, wo Jesus Christus im Mittelpunkt des Handelns steht und soziale Aktion und Evangelisation zu ihm führen.
Dieses Handeln entspricht auch dem Ziel der Mission. Hier ist zwischen soteriologischen, antagonistischen, eschatologischen und doxologischen Missionsziel zu unterscheiden, wobei das letzte das Umfassendste ist.[9] Innerhalb des doxologischen Missionsziels lassen sich Evangelisation und soziale Aktion vereinbaren, wenn sie der Ehre und dem Lobpreis Gottes dienen (vgl. Num.14,21; Jes.6,4). Deshalb kann soziale Aktion ein Auftrag der Mission sein, die sich durch Liebe zur Mitwelt, Mitmensch, Gesellschaft und Natur ausdrückt[10].
Davon ableitbar ist das Konzept der Transformation, die ganzheitliche Sendung in die Welt ein sehr weites Missionsziel, das prozess- und gemeinschaftsorientiert (im Kontext der örtlichen Gemeinde) Evangelisation und soziales Handeln integriert, um so auf ganzheitliche Veränderung von Mensch und Gesellschaft einzuwirken.[11] M. E. nimmt dieses Ziel den Prozess des Jüngermachens in seiner Ganzheitlichkeit wirklich ernst. Es gibt keinen Bereich eines Christen, in dem er seinen Glauben nicht leben soll und dafür eintreten soll, dass es auch andere erfahren und so die Gesellschaft nachhaltig prägt.[12] So sind Gemeinden Kontrastgesellschaften, die Kultur verändern. Allerdings besteht hier die Gefahr ins Social Gospel abzugleiten und das Reich Gottes auf Erden herbeiführen zu wollen. Außerdem bedarf der Transformationsgedanke einer sozialethischen Reflektion. Denn gerade die Zwei-Reiche-Lehre Luthers hinterfragt dieses Konzept zusehends.
Der Ausgangspunkt für (Integrale) Mission ist der dreieinige Gott, Mission ist als eine Missio Dei. Mission ist Gottes Tat, die Kirche nimmt daran teil und wird von Gott in die Welt gesandt. Die Sendung der Kirche nimmt sich ein Beispiel an der Inkarnation Christi und sucht in die Welt der Menschen ganzheitlich einzutreten. Wie die Sendung Christi und die der Jünger mehr als nur Evangelisation umfasst, so entspringt der Missio Die auch mehr. Dennoch ist Vorsicht geboten nicht jedes Handeln darunter zu integrieren. Es ist zu beachten, dass die Missionen Gottes Heilswillen entsprechen (vgl. Joh.3,16), deshalb gehört das Evangelium unbedingt dazu (vgl. Mt.21,33ff par; Gal.4,4)!
„Diese Missio Dei, die das ganze Handeln Gottes umfaßt, kann ... mit der Herrschaft Gottes umschrieben werden."[13] Das Missionsmotiv ist also das Reich Gottes, das zentral für Jesus und eine Handlung Gottes ist (vgl. Mt.3,2; 6,33; 13; Lk.4,16ff; 19,11; Jak.2,5). Dieses steht in eschatologischer Spannung, die nicht einseitig aufzulösen ist. Die Integrale Mission neigt hier dazu das „schon jetzt" der Herrschaft Gottes zu betonen, was zwar stimmt, aber die Mission gefährdet, ähnlich dem Social Gospel, das Reich Gottes auf Erden bauen zu wollen. Auch hier bedarf die Integrale Mission sozialethischer Reflektion,[14] denn sie setzt das Erhaltungswirken und Reich Christi gleich. Dies entspricht zwar der Ganzheitlichkeit, aber unterläuft der Gefahr zum Social Gospel zu werden, denn damit ist dem Staat die prinzipielle Möglichkeit gegeben sich zum Reich Gottes weiterzuentwickeln. Allerdings ist die Stärke der Gottesreich-Konzeption, dass sie das ganze Sein, Tun und Reden der Kirche einschließt. Hier halte ich das Barthianische Modell der Analogie für sinnvoll[15].
Weiterhin verwendet die Integrale Mission die Methode der Kontextualisierung und versucht damit die Verkündigung gemäß dem Inkarnationsmotiv (vgl. Joh.1,1; 1.Kor.9,,19ff) kulterrelevant zu machen. Diese Methode erachte ich als angemessen, insofern die Bibel als norma normans und der Kontext als norma normata angesehen wird.
[1] Diese Definition beruht auf der Micah Declaration on Integral Mission vom 27.9.2001. Vgl. hierzu Chester, Integral Mission, 17-23.
[2] Es würde den Umfang sprengen hier sämtliche Wortfelder von Armut wiederzugeben.
[3] Vgl. dazu auch Ramachandra, Mission, 160.
[4] Für den demokratischen Staat ergeben sich also verschiedene Möglichkeiten zur Partizipation, d. h. Demokratie "erfordert das Zusammenwirken aller Bürger mit dem Ziel, dem Bösen in Gestalt von rücksichtsloser Verfolgung von Eigeninteressen auf Kosten sozial Schwächer zu wehren". Wilckens, Römer, 42.
[5] Vgl. Blöcher, Tat, 145f.
[6] M. E. muss das in der missionarischen Praxis berücksichtigt werden, wenn Arme an andere Götter glauben. Eine Vorrangstellung der Armen, wie sie auch in der Integralen Mission zu beobachten ist, halte ich für unangemessen, da sich Jesus zwar den Armen zuwendet, das aber seinem messianischem Königsamt entspricht und deshalb besonders zu bewerten ist. Weiterhin braucht die Integrale Mission eine heilsgeschichtliche Sicht des sozialen Handelns (Vgl. Berneburg, Auftrag, 9) denn sie differenziert m. E. zu wenig zwischen AT und NT.
[7] Vgl. De Gruchy, Theses, 5f.
[8] Jüngerschaft ist nicht individuell und geistlich zu verstehen, da dies nahe an einer gnostischen Irrlehre ist. "Gnostic religion deifies the individual through personal quest for spiritual knowledge. It rejects social concerns as unnecessary for spirituality and salvation - if no demonic". Wall, Justice, 109.
[9] Vgl. Beyerhaus, Wort, 269.
[10] Vgl. Kusch, Weltverantwortung, 2. Dabei wird die Kluft zwischen evangelikalem Glauben und sozialem Engagement für die Armen überbrückt. Vgl. dazu auch Engel, Changing, 63ff. Tim Costello erläutert, dass "future salvation and salvation now, expressed in a love of neighbour belong together". A. a. O., 106. Deshalb gehören Geistliches und Soziales zusammen.
[11] Vgl. Samuel, Transformation, 229ff.
[12] Vgl. Sider, Theology, 147.
[13] Vicedom, Missio Dei, 16.
[14] Vgl. Berneburg, Auftrag, 9.
[15] Vgl. Barth, Christengemeinde, zitiert nach Afflerbach, Ethik, 292f.
[16] Vgl. Beyerhaus, Normativität, 21.
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