Forschungsbericht: Notfallseelsorge als diakonische Aufgabe?

Jens Michael Schütz/ Heiko Metz (Bachelorarbeit 2006)

"In Zelten neben der eingestürzten Halle kümmerten sich Notfallseelsorger um die Angehörigen der Opfer. Einige von ihnen wurden auf eigenen Wunsch in kleinen Gruppen durch die Trümmer geführt, um sich selbst ein Bild vom Unglücksort zu machen."[1] Das ist ein kurzer Auszug aus einem Bericht von N-TV.de über die Katastrophe von Bad Reichenhall. Opfer und Angehörige wurden nicht nur von Rettungskräften, sonder auch von Notfallseelsorgern betreut.
Notfallseelsorge rückt seit einiger Zeit immer mehr in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Vielerorts gehören die seelischen Betreuer schon fest zum Einsatzbild dazu. Menschen sollen nicht nur medizinisch, sondern auch seelisch versorgt werden. Konsequenterweise haben sich die Autoren gefragt, ob Notfallseelsorge (NFS) eine Aufgabe der Gemeinde sein und wenn ja, welche Relevanz, welchen Stellenwert sie einnehmen darf bzw. soll.
Der Landesbeauftrage der Feuerwehr für NFS in Niedersachsen fordert in Erinnerung an den NFS-Einsatz beim Zugunglück in Eschede (1998): "Jeder (!) Kirchenkreis braucht ein nach bestimmten Standards aufgebautes und Ausgebildetes Notfallseelsorgesystem"[2]. Was ist nun aber NFS und kann diese Forderung in dem Sinne unterstützt werden, dass NFS als Aufgabe der christlichen Gemeinde behauptet wird? NFS ist Erste Hilfe für die Seele. Sie will Menschen in akuten seelischen Notfällen beistehen, Hilfestellung bei den ersten Schritten zur Wiedererlangung der Handlungsfähigkeit geben und gegebenenfalls eine Brückenfunktion zur weiteren seelischen/ psychischen Betreuung darstellen. Zur NFS in diesem Sinne hat die christliche Gemeinde sowohl vom biblischen Befund und seiner kirchengeschichtlichen Anwendung, als auch von und in Verbindung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit eine grundsätzliche Beauftragung, die Teil des sozial-diakonischen und des seelsorgerlichen Auftrags der Gemeinde ist. Diese Aufgabe bezieht sich auf alle Ebenen der christlichen Gemeinde und ist darauf sinnvoll aufzuteilen. Darauf aufbauend macht eine Reihe theologischer und gesellschaftlicher Motivationen deutlich, dass NFS eine hohe Relevanz für die Gemeinde hat, über die aktive Umsetzung aber vor Ort aufgrund verschiedenster weiterer Kriterien zu entscheiden ist. Für die praktische Umsetzung gilt, dass sowohl Prediger, als auch Gemeindeglieder als NFSr tätig werden können, wobei jeweils spezifische Risiken, Möglichkeiten und Vorraussetzungen zu beachten sind. In jedem Fall findet durch die Mitarbeit in der NFS immer ein Geben und Nehmen für den NFSr selbst, aber auch für die Gemeinde statt. Ökumenische Offenheit, eine fundierte Ausbildung und die Bemühung um ein gutes Verhältnis zu den Einsatzkräften seien hier als besonders hervorhebenswert genannt. NFS ist so für die christliche Gemeinde kein beliebiges, weiteres Arbeitsfeld, sondern berührt das Zentrum ihres Wirkens in vielerlei Hinsicht. Sie hat mit NFS die Chance, ein fehlendes Glied in der Rettungskette zu stellen, Zeichen des kommenden Reiches Gottes aufzurichten und Zeugnis von dem Herrn zu geben, der sie zur Seelsorge an Menschen in der Krise ruft und einzigartig befähigt. Viele Fragen und Probleme konnten hier nicht weitergehend diskutiert werden, wären grundsätzlich aber noch zu bedenken: (1) Aus dem Vorhandensein organisierter, im Aufbau begriffener und angedachter NFS in vielen Regionen, ergibt sich die Notwendigkeit der Schaffung verlässlicher regionaler und überregionaler Strukturen. Damit verbunden ist auch die kontinuierliche, für die Arbeit notwendige, finanzielle und technische Unterstützung, bzw. Ausstattung. Hier gilt es z.B. nach einer bundesweit einheitlichen Einsatzkleidung und Symbolik Ausschau zu halten. (2) Den ortsspezifischen Gegebenheiten und Verhältnissen ist bei der Organisation von NFS Rechnung zu tragen. "Flächendeckende Rezepte" sind nicht anzustreben, wobei aber z.B. Alarmierungswege, zumindest auf Länderebene institutionalisiert und vereinheitlicht werden sollten. (3) NFS muss sich organisatorisch und logistisch in die vorfindlichen regionalen und kommunalen Strukturen einpassen, im Austausch mit den staatlichen Stellen stehen und getragen sein von Kommune, Regionalverband und möglichst breiter Ökumene vor Ort. (4) Wegen des markierten zunehmenden Bedarfs zur NFS, ist Gemeinde gefordert, nicht nur vor Ort aktiv mitzuwirken, sondern auch generell dazu beizutragen, dass NFS und ihr Anliegen bekannt wird und Menschen für die Mitarbeit gewonnen werden können. Hierzu gehört auch die Schaffung eines Ausbildungsstandards und einer festen Supervisionsstruktur. Zu fragen ist außerdem, ob notfallseelsorgerliche Kompetenz in der theologischen Ausbildung verankert werden kann. (5) Aufgrund der hohen logistischen und vernetzungstechnischen Anforderungen sollte die Einrichtung von (Teil)Anstellungen für die regionale Organisation, Kooperation, Öffentlichkeitsarbeit und Betreuung von Einsatzkräften angestrebt werden. (6) Es wäre aufgrund von Effizienzüberlegungen näher zu prüfen, ob eine Zusammenarbeit z.B. mit der Polizei- und/ oder Telefonseelsorge bzw. der Hospizarbeit möglich ist. (7) Weiterhin wäre auf eine Verankerung von NFS in den Rettungsdienstgesetzen der Länder hinzuarbeiten, um den Stellenwert als Glied der Rettungskette zu verdeutlichen und ihm Rechnung zu tragen (- auch um neue Finanzwege zu erschließen). (8) Im Bezug auf Großschadenslagen und die diesbezügliche Organisation sollten flächendeckend Einsatzpläne für Katastrophenseelsorge entwickelt werden, um für Großeinsätze gewappnet zu sein, die mit dem normalen NFS-Einsatz kaum vergleichbar sind.[3] (9) Die mangelnde akademische Vertretung von Diakonie allgemein und NFS im Speziellen an den theologische Fakultäten sollte kritisch geprüft und beanstandet werden.[4] Die als Projekt der Greifswalder "Comunity medicine" geplante Einrichtung eines Studiengangs "Ärztliche Unfallseelsorge" an der Universität Greifswald, die Medizin, Theologie und Psychologie zu einem deutschlandweit bislang einmaligen Ausbildungskonzept verbinden will, ist diesbezüglich eine begrüßenswerte Möglichkeit - auch zur fundierten Ausbildung.[5] (10) Die kirchliche Dominanz in fast allen aktuellen Notfallseelsorgeteams darf im Bezug auf das freikirchliche Spektrum und die Landeskirchlichen Gemeinschaften als Anfrage verstanden werden, inwieweit die Kirchen einen Bereich, in dem die Wahrnahme von christlicher Verantwortung gefragt ist, eher erkannt und beherzter gehandelt haben. Es steht zu hoffen, dass diese Anfrage zur Einbringung der eigenen Kompetenz führt, wie auch zu einem demütigen Umgang mit Vertretern der beiden Großkirchen (in der NFS).
Offen ist, ob es der NFS letztlich gelingen wird sich sowohl als gemeindliches Arbeitsfeld, als auch in der Welt der Hilfsorganisationen (und ihrer Professionalität) zu etablieren und anschlussfähig zu bleiben. Auch wenn viele der aktuellen Beispiele in eine positive Richtung weisen, ist unseres Erachtens noch viel zu tun. Dies gilt für die theologische, gemeindliche, organisatorische und kooperative Ebene der Arbeit der NFS in gleichem Maße. Einige Anfragen, bzw. Anstöße dazu, mögen die oben genannten Punkte geben. Auch wenn in dieser Arbeit begründet theoretische Ergebnisse präsentiert werden konnten, muss doch angemerkt werden, dass die Verfasser selbst noch nie bei einem Einsatz der NFS dabei waren und so die praktische Seite nicht kennen können. Deswegen betrachten sie es als sinnvoll und erforderlich, das hier Vorgestellte für die Nutzung z.B. in der Gemeinde mit Anmerkungen eines NFS-Praktikers zu versehen und zu ergänzen. Trotzdem hoffen wir, dass die hier vorgelegten Ergebnisse Gemeinden dazu anregen über sozial-diakonische Arbeit an sich und über NFS im Besonderen nachzudenken. Die Verfasser für ihren Teil haben im Verlauf der Erarbeitung die Notwendigkeit und Wichtigkeit des Beitrags der NFS im Rettungsgeschehen in vielerlei Hinsicht deutlich vor Augen geführt bekommen und werden sich weiter theologisch mit diesem Thema auseinandersetzen, wie Wege suchen, praktisch Anliegen und Arbeit der NFS unterstützen zu können - in der Überzeugung: "Für eine seelsorgerliche Kirche im 21. Jahrhundert wird die Notfallseelsorge unverzichtbar sein als Arbeitsfeld, aber auch als Impuls zur Weiterentwicklung"[6].


 

[1] www.n-tv.de/618967.html.

[2] E. Hüls/H.J. Oestern (Hg.): Die ICE-Katastrophe von Eschede. Erfahrungen und Lehren - eine interdisziplinäre Analyse (Berlin/ Heidelberg/ New York 1999), 203.

[3] Vgl. E. Hüls/H.J. Oestern (Hg.): Die ICE-Katastrophe von Eschede. Erfahrungen und Lehren - eine interdisziplinäre Analyse (Berlin/ Heidelberg/ New York 1999), 125-128.

[4] Vgl. Dierk Starnitzke, Diakonie als soziales System, 59-61.

[5] Vgl. Ev. Kirche von Thüringen, Glaube und Heimat, 2.

[6] A. Kramer/F. Schirrmacher: Seelsorgerliche Kirche im 21. Jahrhundert (Neukirchen-Vluyn 2005), 169.

 

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