Orientierung

Buch des Monats 2016-10

Buch des Monats 2016-10

Irmgard Weth

Neukirchener Bibel: Das Alte Testament neu erzählt und kommentiert.

 

Verlag: Neukirchener Kalenderverlag

Jahr: 2014

Seiten: 716

Sprache: Deutsch

ISBN: 978-3-920524-81-8

29,99 €

Wer den ehrenamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in der Gemeinde ein hilfreiches Buch zum Verstehen des Alten Testaments an die Hand geben will, z.B. für die eigene Erschließung einer Geschichte in Vorbereitung auf Kinderstunde oder Jungschar, oder für die erzählende Predigt eine textnahe und doch dem Erzählen dienliche Übersetzung sucht, dürfte mit diesem Buch fündig werden.

Irmgard Weth, Theologin, Pädagogin und Dozentin für Biblische Theologie beim Neukirchener Erziehungsverein, sieht die Faszination der Bibel u.a. darin, dass alle „Erfahrungen der Menschen, Freude und Leid, Hoffnung und Enttäuschung, Zeiten der Gottesnähe und Zeiten der Gottesferne“ von ihr umschlossen sind und möchte mit dem vorliegenden Buch die Leserinnen und Leser auf den Weg Gottes in die Tiefen der Menschheit mitgehen, den die Bibel selbst vorgibt (Vorwort). Leitend ist für sie dabei, dass der Vater Jesu Christi kein anderer ist als der im Alten Testament bezeugte Gott.

Um dies den Leserinnen und Lesern zu erschließen, erzählt sie in diesem ersten Band die zentralen Inhalte aller biblischen Bücher des Alten Testaments einfühlsam nach, eingeteilt in Geschichtsbücher, Prophetische Bücher und Lehrbücher. Zudem stellt sie jeder Epocheneinteilung und jedem biblischen Buch eine Einleitung voran, die jeweils in historische und zentrale theologische Themen einführt und bietet nach jedem Abschnitt eine knappe Kommentierung. Dabei verhilft das unterschiedliche Layout der klaren Unterscheidung zwischen Einführung (weiße Schrift auf blauem Untergrund), Nacherzählung (schwarze Schrift auf weißem Untergrund) und Kommentierung (blaue Schrift auf weißem Untergrund) und trägt mit zu dem ansprechenden ästhetischen Gesamteindruck bei (fester Leineneinband, zwei Lesebändchen entsprechend in blau und weiß).

Naturgemäß kommt der Ansatz einer Erzählung bzw. Nacherzählung des Alten Testaments besonders bei den Erzähltexten zum Tragen. Die „neu erzählten“ Geschichten begegnen in einem fortlaufenden Text ohne Unterbrechung durch Versangaben (ein kleiner rechter Rand informiert darüber, wo man sich nach biblischer Zählung gerade befindet). Die Nicht-Erzähltexte, wie Listen, Stammbäume etc., werden z.T. weggelassen (so z.B. Gen 5) oder als Kurzzusammenfassung in die Erzählung integriert (so z.B. Gen 10 im Rahmen der Geschichte vom Turmbau zu Babel). Dadurch wird der Fokus sehr stark auf die „story“ der alttestamentlichen Erzählbücher gelenkt, also die Handlungen und die Darstellungen der Personen, wodurch die Spannung und Dynamik in diesen Geschichten besonders hervorsticht. Dabei besteht eine besondere Stärke der Erzählung von Irmgard Weth darin, dass gerade auch die feinen Nuancen in der Zeichnung von Personen und ihren Handlungen in den einzelnen Episoden zum Vorschein kommen. Diese Stärke in der sensiblen Wahrnehmung der Einzelepisoden setzt sich in der Kommentierung fort. In altvertrauten Erzählungen (Abraham, David u.a.) ebenso wie in schwierigen Geschichten (Josua, Richter u.a.) kommt Weth oft der nuancierten Darstellung auf die Spur und findet bei aller Knappheit hilfreiche und erhellende Interpretationen (so zur Jerichoepisode oder zu der verstörenden Geschichte von Jeftah und seiner Tochter).

Der Ansatz der Nacherzählung wird auch bei der Wiedergabe des Inhalts der Propheten- und Lehrbücher beibehalten, weicht hier in der Darstellung aber – dem Charakter des divergierenden Materials entsprechend – noch weiter von der kanonischen Gestalt der Bücher ab. Die Prophetenbücher werden nicht in ihrer kanonischen Anordnung aufgeführt, sondern entsprechend ihrer wahrscheinlichen Entstehungszeit. Unter behutsamer Aufnahme gängiger Thesen in der alttestamentlichen Forschung sind diese Zuordnungen weitgehend plausibel. Lediglich die Aufteilung des Jesajabuches auf drei unabhängige Propheten in unterschiedlichen Epochen ist unglücklich; sie entspricht zwar einer lange vertretenen Hypothese, verhindert aber, dass die inzwischen vielfach bemerkten Verbindungslinien innerhalb des Jesajabuches hervortreten können.

Zu jedem Prophetenbuch werden die als besonders zentral angesehenen einzelnen Sprüche textnah wiedergegeben und in eine Nacherzählung eingebettet, die die Hauptinhalte der Botschaft der jeweiligen Propheten nahe bringt. Andere für Prophetenbücher typische Abschnitte, wie z.B. die sogenannten Fremdvölkersprüche, treten eher in den Hintergrund. Die Stärke dieses Ansatzes besteht darin, dass damit die jeweiligen Schwerpunkte und Unterschiede der einzelnen Prophetenbücher zum Vorschein kommen. Das ist für ehrenamtliche Mitarbeitende und allen an den Bibeltexten Interessierte hilfreich und kann für Bibelarbeit und auch Predigten als Vorbild für die Zusammenfassung einer Prophetenschrift dienen oder sogar genau so vorgelesen werden. Man sollte lediglich beachten, dass eine Theologie des jeweiligen Buches, das nuancenreiche Differenzierungen nicht zuletzt über die jeweilige Struktur vermittelt, so nicht bis in jedes Detail hinein erarbeitet werden kann.

Diese Schwerpunktsetzung ist dann auch bei der Darstellung der Lehrbücher zu vermerken, besonders im Buch der Psalmen: Eine Reihe von ihnen wird in dem dritten Teil des Buches wiedergegeben, während manche an einzelnen Stellen der Geschichtsbücher eingeordnet sind (so z.B. Ps 8 zu Genesis 2-3; Ps 139 zu Genesis 4; Psalm 95 zu Exodus 17; Psalm 72 zur Darstellung der Regierungszeit Salomos in 1. Könige 3–10, etc.). Damit wird einerseits konsequent ausgeführt, was über das Verweissystem in den Überschriften der Psalmen angedeutet ist, nämlich ihre Einbettung in den erzählenden Rahmen des Alten Testaments. Es ergeben sich somit interessante Bezüge und Hinweise auch darauf, wie die Psalmen angewandt werden können. Damit bleiben aber auch die Verweise innerhalb von benachbarten Psalmen unbemerkt.

Insgesamt legt Irmgard Weth mit diesem Buch eine einfühlsame Wiedergabe des Alten Testaments in erzählender Form vor, zeigt in den Einführungen und Kommentierungen den Zusammenhang zu dem Weg Gottes zu den Menschen auf, wie er sich dann in Jesus Christus verdichtet, und vermag dabei besonders in den erzählenden Büchern des Alten Testaments viele auch kleine und feine Nuancen aufzuspüren und wiederzugeben. Mit diesem Buch sollte es in der Tat gelingen, den oft verborgenen Schatz, die „Faszination der Bibel“, auch des Alten Testaments, zu heben (Vorwort).

 

Prof. Dr. Torsten Uhlig

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