Orientierung

Buch des Monats 2017-05

Buch des Monats 2017-05

Heinzpeter Hempelmann

Auf dem Weg zu einer milieusensiblen Kirche.

Die SINUS-Studie „Evangelisch in Baden und Württemberg“ und ihre Konsequenzen für kirchliche Handlungsfelder

Verlag: Neukirchen-Vluyn

Jahr: 2015

Seiten: 387

Sprache: Deutsch

ISBN: 978-3788729240

19,99 €

Ein Milieu-Buch – Muss ich das lesen?

„Milieus? Ach die kenne ich! Das sind diese Kartoffelgrafiken…“ – Mit Sicherheit geht es nicht allen so, aber zumindest mir ging es so. Ich hatte hier und da mal eine Unterrichtsstunde oder einen Vortrag zu diesem Modell und auch den Eindruck, es verstanden zu haben. Wozu also noch ein Buch darüber lesen? Ich habe es trotzdem gewagt, weil es mir als eines der wichtigsten empfohlen wurde, die es zurzeit auf dem Markt zu dem Thema gibt. Warum ich das Lesen des Buches nicht bereut habe, möchte ich nun schildern.

Was sind überhaupt Milieus?

Als ich die ersten Seiten las, kam in mir die Frage auf: Was genau sind eigentlich Milieus? Durch die schönen Graphiken hatte ich so eine Intuition, aber ich konnte es nicht konkret definieren. Und das ist das Problem: Die Graphiken sind so einleuchtend, dass man kaum ein Bedürfnis verspürt, weiter nachzuhaken, was eigentlich dahinter steckt. Als ich mich dann aber doch dafür geöffnet habe, habe ich erst einmal gemerkt, was ich eigentlich alles nicht weiß: Milieus sind die präzisere Variante vom Schichtenmodell unserer Gesellschaft. Weil die Gesellschaft immer komplexer wird, reicht es nicht mehr aus, nur nach Gehalt und Bildung in Ober-, Mittel- und Unterschicht einzuteilen, sondern auch nach Lebensstilen und Werten. Wenn wir zwei Leute nehmen, die gleich viel verdienen, heißt das noch lange nicht, dass sie ähnlich arbeiten, konsumieren, Freizeit gestalten, Musik hören usw. Kurzum: Milieus bilden Gruppen gleich Gesinnter.

Was bringt mir das als Christ/Hauptamtlicher/Ehrenamtlicher/Mitarbeiter in Kirche oder Gemeinde?

Es geht in dem Buch nicht primär um die Definition und Charakteristika von Milieus – wenn es darum gehen würde, wäre es überflüssig, weil es dazu schon genug andere Bücher gibt. Es stellt die Milieus natürlich ganz kurz vor, widmet sich aber vor allem dem, was noch nicht klar beleuchtet ist: Die zentrale Frage ist, wie der Bezug der Milieus zu Kirche, Glaube und Gott ist. In den Milieu-Studien erfahren wir viel über innere Einstellungen und Lebensentwürfe. Das Besondere an dem Buch ist, dass es diese allgemeinen Erkenntnisse mit Fragen aus der Gemeindearbeit verbindet. Ich möchte ein Beispiel geben: Wussten Sie, dass es Menschen gibt, deren beliebteste Form von Mitarbeit großzügige Spenden sind? Man muss nur die richtigen Leute fragen! Oder wussten Sie, dass andere am liebsten kommen, wenn sie sich aktiv beteiligen dürfen und ansonsten lieber zu Hause bleiben? Wir suchen doch Mitarbeiter –  manche warten nur darauf, angesprochen zu werden. Vieles können wir uns nicht vorstellen, weil uns andere Lebenswelten fremd sind. Das Buch hilft, Perspektiven anderer einzuüben, und zwar ganz konkret angewendet auf Fragen wie Mitarbeit, Bild von Kirche und Gottesdienst usw.

Grenzen und Chancen

Der Milieu-Ansatz möchte kein Allheilmittel sein. Man kann zu schnell zu viel davon wollen, und dann klappt es nicht und man ist frustriert. Daher ist der richtige Umgang mit diesem Ansatz wichtig, der im Laufe des Buches entfaltet wird. „Wir haben eine Veranstaltung geplant, beworben und alles vorbereitet – aber dann ist fast keiner da gewesen. Warum?“ Das Buch hilft zu sehen, woran es vielleicht gelegen haben kann. Und andersherum: „Wir möchten gerne mehr Menschen erreichen als bisher. Worauf müssen wir achten? Wie muss Einladung, Dekoration, Musik und Programm sein, damit es anziehend wird?“ Für solche Fragen hilft dieses Buch nicht nur mit den Texten, sondern auch mit übersichtlichen Tabellen, z. B. zu der Frage, was für welches Milieu dran ist. Beigelegt ist auch eine CD mit Graphiken und Erläuterungen, mit der man bei Bedarf noch tiefer bohren kann. Alles in allem ein praktisches Handbuch – aus meiner Sicht ein absolutes Must-Have für Arbeit in Kirche und Gemeinde.

 

Zacharias Shoukry

Studentische Hilfskraft im TANGENS Institut.

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