Orientierung

Buch des Monats 2017-08

Buch des Monats 2017-08

Guido Baltes

Paulus — Jude mit Mission. Alter Glaube in einer veränderten Kultur

Verlag: Francke

Jahr: 2016

Seiten: 334

Sprache: Deutsch

ISBN: 978-3- 86827-617-6

14,95 €

“Paulus — Jude mit Mission. Alter Glaube in einer veränderten Kultur” lautet der Titel des zweiten Buchs von Guido Baltes, dass sich damit auseinandersetzt, wie Jesus (Buch 01), bzw. Paulus (Buch 02) als Jude wahr- und ernstgenommen werden kann — und was daraus für unsere Theologie und unseren Glauben folgen könnte oder sollte.

Der Titel des ersten Buches “Jesus, der Jude und die Missverständnisse der Christen” erschien mir deutlich zu reißerisch, weswegen ich das, mir geschenkte, Buch lange nicht lesen wollte. Irgendwann tat ich es doch, weil ich Bücher nicht lange einfach so rumliegen lassen kann. Auch inwendig kam es mir in Teilen ein bisschen arg oberlehrerhaft daher — ansonsten war ich inhaltlich aber positiv überrascht.

Umso gespannter war ich nun in Bezug auf das Buch zu Paulus.

Guido Baltes führt gründlich in dieses Buch ein und nimmt den Leser gleich zu Beginn mit hinein in jüdisches Denken und Entwickeln. Ebenso, wie es im Judentum üblich sei, nicht nur rein fertige gedankliche Gebäude und Ergebnisse zu präsentieren, sondern dem miteinander Diskutieren und den unterschiedlichen Meinungen ein eigener Wert zugeschrieben wird, versteht Baltes sein Buch als einen nicht abgeschlossenen Gedanken- und Diskussionbeitrag. Dabei drehen sich Gedanken und Argumente rund um Fragen, wie: “Wie ändert sich mein Bild von Paulus, wenn ich ihn nicht durch die gewohnte Brille meiner christlichen Tradition betrachte, sondern durch die Brille des jüdischen Glaubens? (…) ist es möglich, Paulus als einen Juden zu verstehen, der das Judentum Zeit seines Lebens nicht verlassen hat? Der festhielt am Glauben seiner Väter, am Gesetz des Moses, am Tempel in Jerusalem, an der Hoffnung auf den Messias? Und der dennoch diesen Glauben auch mit denen teilen wollte, die keine Juden waren?” (8).

Dazu startet Guido Baltes mit einem Überblick über gängige theologische Sichtweisen, die verschiedene bibl. Personen und deren “Theologie” gegeneinander ausspielen — etwa Mose gegen Paulus oder Jesus gegen Paulus und die daraus. Baltes markiert diese als Vorurteile, die unsere Sichtweise z.B. auf Paulus stark beeinflussen und damit auch unser Verständnis seiner Theologie — d.h. letztlich unserer Theologie. Auf diese, von ihm “Keile” genannten, Vorurteile wird Baltes an vielen Stellen seines Buches in der Bewertung theologischer Sichtweise und Positionen als Schwachstelle eben dieser zu sprechen kommen.

Weiter beschäftigt er sich mit grundlegenden Fragen zu den Quellen über Paulus und streift dabei Fragen zur Glaubwürdigkeit der Bibel generell, Einleitungsfragen der “Paulus”Briefe, der Glaubwürdigkeit der Apostelgeschichte als historischem Bericht u.ä.

Darauf aufbauend beschreibt Baltes Paulus mit seiner jüdischen Vergangenheit und dem damit zusammenhängenden Glauben und Weltbild — besonders anhand von Texten, in denen Paulus selbst über sein Leben Auskunft gibt. Hier zeigt sich Baltes sowohl breite als auch tiefe Kenntnis des Judentums deutlich, die den Leser mit hinein nimmt in die jüdische Welt der damaligen Zeit und Paulus Aussagen hier einzuordnen und verständlich zu machen vermag. Dabei leuchtet sowohl der Stolz des Paulus auf seine jüdischen Wurzeln und seinen Glauben auf, wie seinen übertriebenen religiösen Eifer und seine Gewaltbereitheit — beides gehört zu Paulus und seiner jüdischen Vergangenheit.

Baltes stellt in der Folge christlich-allgemeingültige Vorstellungen und Überzeugungen immer wieder in Frage und zeigt jeweils verschiedene andere Sichtweisen und deren Argumente auf, wägt diese ab und schlägt dann eine mögliche eigene Sichtweise vor.

Zumeist entwickelt er aus dieser möglichen Sichtweise dann neue Fragen, die im weiteren beantwortet werden, so dass er sich das ganze Buch über kreisend mit den schon vorgestellten Grundfragen beschäftigt.

So beschäftigt er sich beispielweise mit der landläufigen Sicht des Damaskuserlebnisses in Apg 9 als “Bekehrung” (vom Juden- zum Christentum) und kommt dabei zu dem Schluss, dass es bei diesem Erlebnis vielmehr um, im jüdischen Glauben tief verwurzelte, Einsicht in einen falschen Weg (die Verfolgung der Christen) und dem entsprechende Umkehr ging, bei er gleichzeitig Gottes Barmherzigkeit und Vergebung erlebte (wie beim großen Versöhnungstag). D.h. Baltes sieht hier die Möglichkeit, dass Paulus auch nach diesem Erlebnis weiter Jude ist, der umkehrt und sich damit Gott wieder zuwendet. Dies führt ihn zu der Frage, ob und wie es denn generell möglich sein kann, dass ein Jude, Jude bleibend, an Jesus glauben kann. Wie also eine Umkehr im jüdischen Sinne geschehen kann und von was man sich, zu Gott umkehrend, denn dann abwende.

Natürlich spielt in diesen Zusammenhängen auch die Frage nach Paulus Theologie eine große Rolle, weswegen sich Baltes z.B. ausführlich mit der sogenannten “new perspective” auseinandersetzt und damit der Frage, inwieweit in “unserer” Sicht von Paulus und seiner Theologie die Rechtfertigungsfrage einen viel zu großen Platz einnimmt und wichtigere Aspekte der paulinischen Theologie verdrängt.

Auch hier denkt er die Sache konsequent unter dem Oberthema “Paulus der Jude” und kommt zu dem Schluss, dass die Rechtfertigungslehre bei Paulus sehr wohl eine große Rolle spielt. Allerdings nicht, weil das das zutiefst neue und christliche an Paulus Theologie wäre, sondern gerade in der Kontinuität zum Judemtum. Baltes sieht die Rechtfertigungslehre verankert in der Tora und den Vorschriften zum Versöhnungstag.

Guido Baltes legt hier einen tiefgehenden Gesprächsbeitrag zur Frage nach Paulus als Juden vor und zieht mit dieser Brille einige theologische Allgemeinweisheiten in Frage, kritisiert Entwicklungen der Theologiegeschichte, kratzt am bei uns vorherrschenden Paulusbild und vermag es das christliche Selbstverständnis und das Bild des Judentums heilsam ins Wanken zu bringen.

Dass die Argumentationen zu manchen Themen deutlich stärker erscheinen als bei anderen unterstreicht den Charakter des Buches als Gesprächsbeitrag, der nicht das fertige Ergebnis verkünden möchte und lädt damit umso mehr zum Weiterdenken und Diskutieren ein. Genau dies ist aber auch nötig, um wirklich Gewinn aus der Lektüre davon zu tragen.

Wer sich darauf einlässt, darf auf horizonterweiternde, den eigenen Glauben und theologische Sichtweisen prägende Gedanken gespannt sein, die dem jüdischen Glauben einen neuen, vielleicht bisher ungeahnten, Wert beimessen. 

Heiko Metz

Top