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Die Bedeutung von Charles Finney für den deutschen Neupietismus

Forschungsbeschreibung

Der Einfluss der amerikanischen Evangelisations- und Heiligungsbewegung auf die Formierung der deutschen Gemeinschaftsbewegung am Ende des 19. Jahrhunderts ist unstrittig und konnte mittlerweile auch durch einige Forschungsarbeiten differenzierter belegt werden. Bisher kaum beachtet wurde allerdings in diesem Zusammenhang der Einfluss der Theologie und Arbeitsmethoden Charles Grandison Finneys (1792-1875). Dies ist verwunderlich, da Finney gemeinhin als die entscheidende Figur des Second Great Awakening in Nordamerika gilt, dessen Ausläufer maßgeblich den Boden für den Einfluss der Evangelisations- und Heiligungstheologie in den europäischen Raum bereiteten.

Nachdem John Wesley und George Whitefield im Jahr 1739 als erste im großen Stil damit begonnen hatten, die Verkündigung des Evangeliums aus dem Kirchenraum ins Freie zu verlegen, etablierten sich in den folgenden Jahrzehnten in England evangelistische Freiversammlungen als Verkündigungsform des Methodismus. In den USA entwickelten sich daraus die so genannten Camp Meetings, bei denen Menschen aus dünn besiedelten Gebieten über mehrere Tage oder Wochen an einem Ort zusammen kamen, um evangelistische oder geistlich vertiefende Predigten zu hören.
Eine entscheidende Weiterentwicklung gab es dann durch Charles Grandison Finney (1792-1875). Er begann 1824 mit evangelistischen Freiversammlungen, bei denen er theologisch (im Gegensatz zu dem in den USA dominierenden Calvinismus!) davon ausging, dass jeder Mensch eine willentliche Entscheidung für Jesus fällen kann, auf die Gott zwingend mit der Wiedergeburt antworten wird. Er organisierte daraufhin Massenevangelisationen in amerikanischen Städten, in denen er zur Bekehrungen aufrief, die durch Handheben oder Nachvornekommen dokumentiert wurden, den sogenannten „Altar Call“.
Diese neue Art der Kommunikation des Evangeliums übte langfristig gesehen eine große Wirkung auch auf den deutschen Neupietismus aus. Durch den Deutsch-Amerikaner Friedrich von Schlümbach (1842-1901) wurde sie in die deutsche Gemeinschaftsbewegung integriert und durch Elias Schrenk und die Deutsche Zeltmission popularisiert. Interessant ist dabei auch die aus dem angloamerikanischen Bereich übernommene Verknüpfung der Evangelisation mit dem Medium der Musik, insbesondere des Vortragsliedes. Dabei kam es durch die Verschmelzung mit deutscher Kultur und lutherisch-pietistischem Erbe nicht einfach zu einem Kulturtransfer, sondern zu interessanten Modifikationen. Bis in die Gegenwart hinein erweist sich gerade der Neupietismus als besonders offen für die Nutzung neuer Massenmedien für die Verkündigung (vgl. ProChrist). Diese Affinität lässt sich nicht allein aus der schon im Barock-Pietismus angelegten Offenheit für vielfältige Kommunikationsformen erklären, sondern man muss die angloamerikanischen Einflüsse des 19. Jahrhunderts, und das heißt in Bezug auf die evangelistische Verkündigung insbesondere die Person Finneys, mit einbeziehen.

Projektrahmen

Projektleiter

Prof. Dr. Frank Lüdke

Laufzeit

06/2013 - 06/2015

Förderung

Haushalt der EH TABOR

Vorträge

  • „Die Entwicklung der Massenevangelisation durch Charles Grandison Finney (1792-1875) und seine prägende Wirkungsgeschichte im deutschen Neupietismus“. Vortrag auf dem IV. Internationalen Kongress für Pietismusforschung zum Thema: „Schrift soll leserlich seyn – Der Pietismus und die Medien“ vom 25.-29.08.2013 in den Franckeschen Stiftungen in Halle/Saale.
  • Die Bedeutung Charles G. Finneys für den Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband“. Vortrag bei der Internationalen Fachtagung „Zwischen Aufklärung und Moderne – Erweckungsbewegungen als historiographische Herausforderung“ vom 18.-20.02.2015 am Alfried Krupp Wissenschaftskolleg in Greifswald.

Publikationen

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