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Die Entstehung der Inneren Mission

Die soziale Lage in Deutschland um 1815

Schon seit den Anfängen des Christentums kümmerten sich die christlichen Gemeinden um Arme, Kranke, Witwen und Waisen (vgl. Apg. 6). Im Mittelalter entwickelte sich in den meisten Städten Deutschlands ein einigermaßen wirksames System kommunaler Armenfürsorge, so dass es zu keinem großflächigen Elend kam. Ab 1750 änderte sich die Situation in Deutschland durch verschiedene Faktoren:

  • Verbesserte Nahrungsversorgung: Durch Ausbau der Anbauflächen, verbesserte Bewirtschaftungsmethoden und durch die Einführung des Kartoffelanbaus in Preußen seit 1738 konnten viel mehr Menschen ernährt werden.
  • Vielfältigere Existenzmöglichkeiten: Es kam zum Wegfall von Heiratsbeschränkungen und grundherrschaftlichen Bindungen. Viele abhängigen Bauern wurden frei, Zunftordnungen wurden aufgelöst, wirtschaftlich entstand langsam Gewerbefreiheit.
  • Bevölkerungsexplosion: Diese Veränderungen führten dazu, dass die Bevölkerung Deutschlands von 17 Millionen um 1750 auf 23 Millionen um 1800 anwuchs (35 %!). Bis 1850 stieg sie um weitere 60% auf 37 Millionen.
  • Produktivitäts-Stagnation: Da die Industrialisierung in Deutschland erst gegen 1850 einsetzt, kann die Wirtschaftsproduktion die vergrößerte Bevölkerung nicht ausreichend versorgen. Es kommt zu Massenarbeitslosigkeit. Dadurch entsteht eine neue Unterschicht, die am Rande des Existenzminimums lebt. Das Problem war also vor 1850 noch nicht die Industrialisierung, sondern fehlende Industrie!

Das System der christlich-bürgerlichen Armenfürsorge (wie noch bei Spener!) brach aufgrund dieser neuen Massenarmut ab 1815 immer mehr zusammen. Man spricht nun von Pauperismus (pauper = lat. arm). Erst in den 1850er Jahren greift in Deutschland die Industrialisierung, welche die armen Bevölkerungsschichten in Massen in die Fabriken zieht und das „Proletariat“ entstehen lässt.

Warum entstanden nach 1815 freie diakonische Vereine?

  • Deutschland wurde durch die napoleonischen Kriege 1806-1815 territorial und religiös so durcheinander geworfen, dass in den meisten Staaten mehrere Konfessionen nebeneinander bestanden. Religion wurde damit immer mehr zu einer Sache der persönlichen Überzeugung.
  • Außerdem eröffneten Veränderungen des Vereinsrechts seit 1815 Menschen mit ähnlichen religiösen Ansichten die Möglichkeit freie Vereine zu bilden. Das Individuum sollte das öffentliche Leben nun stärker mitgestalten. Einige der „Erweckten“ sahen das als Chance und wurden selbständig aktiv ohne auf die Kirchenleitungen und Pfarrer zu warten. Vorbild für die Vereinsgründungen waren die schon vielerorts geduldeten pietistischen Konventikel. Von daher schwang in den Vereinen von Beginn ein kirchenkritisches Element mit.
  • Natürlich hatten sich Christen schon immer um Arme gekümmert, die Diakonie nach 1815 aber unterschied sich davon in drei grundsätzlichen Punkten:
  • Nun kam es zum ersten Mal zum Aufbau überregionaler Hilfsorganisationen. Auf der Welle eines seit den napoleonischen Kriegen immer stärker werdenden gesamtdeutschen Bewusstseins (Hoffmann von Fallersleben dichtet 1841 „Deutschland, Deutschland über alles …“) versucht man gegen das Massenelend nun auch großflächig anzugehen.
  • Die freie Vereins-Diakonie wurde in von der Erweckungsbewegung getragen. Ihr ging es nicht nur um soziale Zuwendung, sondern vor allem um eine Neuverkündigung der christlichen Botschaft an die entchristlichte Unterschicht. Diakonie verband sich mit Evangelisation, da die Wurzel des Elends letztlich in der Gottlosigkeit gesehen wurde.
  • Das erweckliche Christentum in Deutschland sah sich in einem großen Streit mit dem aufklärerischen Atheismus. Wenn man schon mit Vernunftargumenten die Überlegenheit des christlichen Glaubens nicht mehr erweisen konnte, dann wollte man es eben durch das soziale Engagement tun. Der große Feind wurde deswegen der Kommunismus, der sich auch um die Armen kümmerte, um sie vom Atheismus zu überzeugen! Es ging also aus der Sicht der Erweckten nicht um „absichtslose Liebe“, sondern um einen Kampf der Weltanschauungen!

Johann Hinrich Wichern (1808-1881) und das Rauhe Haus

1. Wicherns Jugend und Studium

Johann Hinrich Wichern wird am 21.4.1808 als Ältester von 7 Geschwistern geboren (2008 feiern wir also seinen 200.Geburtstag). Sein Vater arbeitet sich aus einfachen Verhältnissen zum Notar hoch und fördert dann auch den sozialen Aufstieg des erstgeborenen Sohnes durch Privatschule, Gymnasium und Klavierunterricht. Wichern wird ein sehr guter Klavierspieler und Sänger (im Rauhen Haus wurde später der Gesang gepflegt). Der Vater stirbt 1823 mit 47, als Wichern 15 ist! Wichern gibt nun Klavierunterricht und Nachhilfe zur Versorgung der Familie. Zwischen dem 16. und 18.Lebensjahr erlebt Wichern seinen geistigen und geistlichen Durchbruch, so dass er seitdem zu den „Erweckten“ in Hamburg gehörte.

Diese Kreise unterstützen ihn dann auch, als er ab 1828 Theologie in Berlin und Göttingen studiert, um später Pastor in Hamburg zu werden. Am 6.4.1832 legt er die theologische Prüfung — ab und war von da an Candidatus (bis 1857), d.h. er stand auf dem aussichtlosen Platz 30 einer langen Warteliste für die wenigen Hamburger Pfarrstellen.

2. Die Idee reift

Wichern übernahm in dieser Situation zunächst eine erste Stelle als Oberlehrer in der Sonntagsschule St. Georg, d.h. er instruierte Ehrenamtliche für die Sonntagsschule. Er hatte schon die Sehnsucht, „Gottes Reich unter den Armen zu bauen“. Sein Denkmuster war: Gottlosigkeit führt zu Sittenverderben und das führt zu Armut. Glaubenserweckung hingegen führt zu Moral und das wiederum führt zu Wohlstand. Wichern trat 1832 auch einem Besuchsverein bei, der die Eltern der Sonntagsschulkinder zu Hause besuchte. Durch diese Arbeit lernte Wichern die Elendsquartiere in Hamburg kennen. Dabei erkannte er das ungeheure Maß der Verwahrlosung und beschloss den Bau eines Rettungshauses in Hamburg. Schnell finden sich ein paar Förderer des Projekts. Am 12.9.1833 erfolgt die öffentliche Information in der Börsenhalle mit einer programmatischen Rede zur Gründung einer „Anstalt zur Rettung verwahrloster und schwer erziehbarer Kinder“. Darin erzählt Wichern:

„Ich bitte, mir im Geiste in diese Wohnungen zu folgen. In der Tür gerade an wohnt eine Frau, die als Kind mit Mutter und Geschwistern bei Nacht von dem trunkfälligen Vater auf die Straße getrieben zu werden pflegte. Als die Eltern gestorben waren, verehelichte sie sich und wurde Mutter von einem Sohne, der jetzt, etwa 17 Jahre alt, tagaus, tagein Lumpen und Knochen sammelt. Nach dem Tode des ersten Mannes trat die Frau in eine wilde Ehe mit einem andern Manne […]. Der Mann ist gestorben und hat das Weib als Mutter von zwei Kindern zurückgelassen; das eine von diesen ist ein niedlicher Knabe von sechs bis sieben Jahren, der hilflos in diesem Jammer herumschleicht, das andere ein zwölfjähriges Mädchen. Seit vielen Jahren stockblind. Geistige Nahrung irgendwelcher Art ist ihr bis vor kurzem nie geboten. […] Diesem Saale gegenüber wohnt in einer anderen Tür ein wilder Mensch, ein Wall- oder Chauseearbeiter, ein entsetzlicher Trunkenbold; eine Kinderbettstelle, ein wenig zerbrochenes anders Mobiliar und ekelhafter Schmutz füllen diese Behausung. […] Bis zum letzten Frühjahr hatte dieser Mensch einen Neffen bei sich, der seinen Vater und seine Mutter nie gesehen hat; derselbe ist 18 Jahre alt, sammelte bis zum vorigen Winter am Tage Lumpen, aus denen er des Nachts seine Kopfkissen bereitete; Wäsche hatte er im letzten Winter nicht auf seinem Leibe. Seit dem Frühjahr dient er bei einem Hufschmied, ist noch nicht konfirmiert, kann weder lesen noch beten, hat es auch nicht lernen wollen, so fleißig er dazu ist angetrieben worden.[…] Eine Treppe höher in einer Dachwohnung [leben] in wilder Ehe [andere Leute]. Der Mann schneidet Schwefelhölzer, das Weib unterstützt ihn dabei, ein kleiner Knabe muss die Ware verkaufen helfen. […] Er ist minder glücklich als seine in rechtmäßiger Ehe geborenen elf Geschwister, die alle bis auf eine zehnjährige Schwester bereits verstorben sind. Vor einigen Jahren hatten jene Menschen (dürfen wir sie noch Eltern nennen?) den armen Knaben eingesperrt, um ihn erfrieren und verhungern zu lassen. Das Gewinsel des Knaben zog die Nachbarn herbei; so ist er gerettet, hat aber an dem einen Fuß einen Teil der Zehen, und an einer Hand die Hälfte der Finger eingebüßt.“

3. Das Rauhe Haus

Ein geeignetes Gebäude für das neue „Rettungshaus“ wird in Hamburg-Horn bald gefunden, das „Rauhe Haus“ (von „Ruges Haus“ – so hieß wahrscheinlich der Erbauer). Am 31.10.1833 bezieht Wichern (25-jährig!) mit seiner Mutter und Schwester das Haus – acht Tage später folgen die ersten drei Jungen.

Die Anstalt war aufgebaut nach dem Familienprinzip in Hausgruppen zu 10-12 Leuten, da Wichern in der Zerrüttung der Familien den Hauptgrund für die Missstände sah. Auch wenn die Familie dadurch nicht voll ersetzt werden konnte, gab es so doch eine neue Vertrauensgemeinschaft und eine individuelle Prägung der Persönlichkeit. Der zweite Grundzug war das Freiheitsprinzip: Zum einen gab es keine Bindung an den Staat, keine finanziellen Staatszuwendungen um frei zu bleiben: ein Werk der freien christlichen Liebe. Zum Zweiten gab es auch keine Zwangseingewiesenen und keine Mauern:

Folgendes waren die Worte die jedes neue Kind zu Beginn von Wichern gesagt bekam:“Mein Kind, dir ist alles vergeben. Sieh um dich her, in was für ein Haus du aufgenommen bist. Hier ist keine Mauer, kein Graben, kein Riegel, nur mit einer schweren Kette binden wir dich hier, du magst wollen oder nicht, du magst sie zerreißen, wenn du kannst, diese heißt Liebe und ihr Maß ist Geduld. Das bieten wir dir, und was wir fordern, ist zugleich das, wozu wir dir verhelfen wollen, nämlich, dass du deinen Sinn änderst und fortan dankbare Liebe übest gegen Gott und den Menschen!“ (Wichern, Sämtliche Werke, Band 4/ 1, 119)

1834 wurde das zweite Haus eingerichtet, bis 1845 eine christliche Kolonie mit 5 Häusern entstand, in denen die Kinder täglich 2-3 Stunden Unterricht erhielten und 6-9 Stunden praktisch arbeiteten um dabei geistlich und moralisch geprägt zu werden.

4. Die Gründung des Brüderhauses

Schon bald nach der Eröffnung des Rauhen Hauses begann Wichern selbst damit, „entschieden gläubige und bekehrte Handwerksgesellen“ als „Gehilfen“ für seine Arbeit anzustellen, die dann die Leitung der einzelnen Erziehungsgruppen übernehmen sollten. Sie wurden aufgrund der Familiengruppenstruktur „Brüder“ genannt. 1837 wurde Wichern zum ersten Mal gefragt, ob er nicht auch einen Bruder für ein anderes diakonisches Arbeitsfeld abgeben könnte. Bis 1845 wurden dann schon 15 „Sendbrüder“ in vielfältige Aufgaben geschickt. Aus dem Brüderhaus wurde langsam eine Ausbildungsstätte mit deutschlandweiter Perspektive. 1840 spricht Wichern zum ersten Mal davon, dass seine Brüder für die „inländische Mission“ wichtig sind. 1843 nennt er es zum 1.Mal: „das Gehilfeninstitut, als Seminar für innere Mission“. Damit war der Begriff geboren der von nun an als Oberbegriff der verschiedensten diakonischen Arbeitsfelder in Deutschland dienen sollte. 1844 erscheinen zum 1.Mal die „Fliegenden Blätter“, um das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit der verstreut arbeitenden Brüder zu stärken.

5. Wicherns Stegreifrede auf dem Wittenberger Kirchentag 1848

In den 1840er Jahren wird die deutsche Einigung immer mehr zu einem Thema, dass auch vom aufstrebenden Kommunismus durch Feuerbach und Marx aufgegriffen wird. Im März 1848 kommt es zu revolutionären Bestrebungen in Deutschland. In dieser Situation fördert der preußische König Friedrich Wilhelm IV eine Einigung der deutschen Landeskirchen, um eine deutsche Einigung unter bewusst christlichem (und antikommunistischen) Vorzeichen zu unterstützen.

Deswegen beruft man für den September eine gesamtdeutsche Kirchenversammlung mit 500 Teilnehmern nach Wittenberg. Wichern sieht darin eine Chance eine überregional-vernetzte diakonische Arbeit  zu begründen und setzt durch, dass das Thema „Innere Mission“ auf die Tagesordnung kommt.

Er wird um Stellungnahme gebeten und hält in der Wittenberger Schlosskirche seine berühmte und durchschlagende fünfviertelstündige so genannte Stegreifrede.

Die inhaltliche Linie Wicherns besteht darin: Soziale Misstände → Revolution

Daher: Kirchenbund → Innere Mission → Behebung der Misstände → Abwehr der Revolution.

Diese Argumentation hat Erfolg: Die Innere Mission wird umfassend als Anliegen des Kirchenbundes aufgenommen, es wird ein Central-Ausschuss für Innere Mission begründet, für den Wichern dann ein Programm entwirft. Die Gründung des eigentlichen Kirchenbundes scheitert dann zwar, aber gerade deswegen wird der Central-Ausschuss für in der Folgezeit bereitwillig weiter unterstützt. Er bildete damals die einzige gesamtdeutsch operierende christliche Organisation. Damit rückte die Diakonie erstmals deutschlandweit ins christliche Blickfeld und schuf die Grundlagen für das bis heute bestehende duale System sozialer Sicherung.

6. Wicherns Denkschrift 1849

Anfang 1849 erscheint Wicherns DENKSCHRIFT zum Verständnis von Innerer Mission.

Wichern lehnt sich dabei an die Konzeption des „christlichen Staates“ von Friedrich Julius Stahl (1802-1861) an. Wichern will danach nicht einfach nur Not lindern, er will Reich Gottes bauen, und das versteht er umfassend national und volkskirchlich (nicht als pietistisches Herausretten von Einzelnen!). Es geht ihm um eine christliche Kultur in Staat, Familie, Kunst und Wissenschaft

Innere Mission versteht er also als Ausbreitung des Reiches Gottes im Sinne einer von Gott geprägten Gesellschaft. Das Ziel ist für ihn ein christliches Volk!

Seine Analyse: Das Massenelend Deutschlands resultiert aus seiner Gottlosigkeit (Sünde)!

Seine Strategie: Soziale Hilfe soll die Ohren für das Evangelium öffnen. Dies wird dafür sorgen, dass Menschen zum Glauben kommen und damit auch ihr äußeres Elend überwinden.

Das heißt also: Sozialarbeit ist nie Selbstzweck sondern nur Sprungbrett der Evangelisation, denn nur eine Wiederchristianisierung der Gesellschaft behebt die Nöte wirklich! Wichern will eine umfassende soziale Erneuerung, nicht nur karitative Zufälligkeit! Darin ist er sich mit dem Kommunismus einig.

Wichern war total religiös motiviert. Er wollte keine „absichtslose Liebe“, sondern die Instrumentalisierung der sozialen Arbeit zur Rechristianisierung Deutschlands. Das Ziel war ein Volk von lebendigen Christen, das nach den Ordnungen des Reiches Gottes lebt. Deswegen waren auch die Pietisten keine große Hilfe, denn ihre Konventikel interessierten sich kaum für das Ganze der Gesellschaft.

7. Wichern und der Kommunismus

Der Kommunismus vermittelte seine Inhalte auch durch die Form sozialer Hilfe und hatte damit Erfolg.

Gleichzeitig verlor die christliche Verkündigung ihre Kommunizierbarkeit. Also musste Wichern das Christentum nicht nur individuell, sondern auch als sozial überlegen erweisen. Wichern hat gesehen, dass der Atheismus denkmöglich geworden ist, daher muss er auf dem Gebiet der Problemlösungskompetenz geschlagen werden: Wicherns These lautete: Keiner kann besser die soziale Frage lösen als das Christentum! Deswegen mussten Liebe und Glaube unbedingt eine Einheit bilden.

Es ging auf keinen Fall einfach nur um soziale Hilfe egal aus welcher Motivation. Die Motivation war geradezu das Entscheidende! Deswegen war der Kommunismus kein ergänzender Freund, sondern der Todfeind, denn seine sozialen Hilfsprogramme führten die Menschen gerade nicht zum Evangelium, und damit auch nicht zur wirklich rettenden Kultur!

8. Wichern im preußischen Staatsdienst und Lebensende

Seit 1844 hatte Wichern Kontakte zum preußischen König Friedrich-Wilhelm IV. Der König wollte eine Gefängnisreform: Ablösung der Kollektivhaft durch Einzelhaft. Positive Wärter sollten die Gefangenen prägen. Dafür aber brauchte man geeignetes Personal. Dafür sollte Wichern sorgen.

1856 nahmen 38 Wichern-Brüder ihren Dienst auf

1857 wurde Wichern vortragender Rat (für Gefängnisangelegenheiten) im Innenministerium

Nachdem 1858 Friedrich-Wilhelm IV seine Herrschaft abgab wurde der Vertrag mit der Brüderanstalt zur Ausbildung von Gefängniswärtern 1862 nicht erneuert. Damit scheiterten Wicherns Pläne.

Ebenso scheiterte 1856 auf der Monbijou-Konferenz sein Versuch den „Diakon“ als gleichberechtigtes kirchliches Amt neben dem „Pfarrer“ anerkennen zu lassen (dies geschah erst 1996!).

1874 erkrankte Wichern schwer. Er starb am 7.4.1881.

9. Die Vereinsstruktur der Inneren Mission

Als Organisationsform setzt sich in der Inneren Mission der freie Verein durch. Das zu Beginn des 19.Jahrhunderts aufgekommene Vereinsrecht bietet dem organisatorisch hochbegabten Wichern eine ideale Basis. Die Innere Mission sollte frei sein von kirchlicher Bindung (wie das Rauhe Haus vom Staat) Vereine waren für ihn eine Erscheinungsform des Allgemeinen Priestertums, deswegen hielt er die Innere Mission für kirchlich, auch wenn sie völlig unabhängig von den Kirchenstrukturen agierte. Ein kirchlicher Amtsinhaber konnte aber auch als Ausdruck seines allgemeinen Priestertums in der Inneren Mission mitmachen.

10. Die Stellung der Inneren Mission zur Kirche

Was unterschied die Innere Mission von der traditionellen kirchlichen Armenpflege?

    • Das Motiv: Integration von sozialer Zuwendung und Verkündigung des Evangeliums. Damit griff Wichern in das traditionelle kirchliche Aufgabenfeld ein – Verkündigung war bisher Amtssache!
    • Zusammenschluss und überregionale Organisation aller Hilfsbestrebungen

Wicherns hatte ein Doppelkonzept: Freie Entfaltung bei Nähe zur (und Schirmherrschaft der) Kirche. Dies sollte 50 Jahre später der Gemeinschaftsbewegung als strukturelles Vorbild dienen (In- MIT- aber NICHT UNTER der Kirche)

Die Kirchenleitungen selbst begriffen erst am Ende des 19.Jh., dass die Diakonie als zentraler Faktor für die Kommunikation des Evangeliums in die Gesellschaft hinein wirkt und erklärten dann die Diakonie zu ihrer Sache. Heute wird von der soziologischen Systemtheorie klar herausgestellt, dass die Diakonie als „Erbringung von Leistung“ unverzichtbar für die Kirche ist, um überhaupt noch einen Bezug zu anderen Kommunikationssystemen der Gesellschaft (Wirtschaft, Recht, Wissenschaft usw.) zu bekommen.

Außerdem hatten die Landeskirchen selbst kein arbeitsfähiges Dach im Sinne einer Zentralinstanz und brauchten somit die Innere Mission auch zur landeskirchenübergreifenden Kommunikation!

11. Wicherns Haltung zu staatlicher Sozialpolitik

In der Wicherngeneration gab es noch keine Forderung nach aktiver staatlicher Sozialpolitik, da man noch von einem christlichen Staat träumte, in dem die Christen selbst im Rahmen des allgemeinen Priestertums alle Missstände beheben. Wichern traut einer hierarchisch abgehobenen Ebene in Kirche und Staat keinerlei Veränderungskompetenz zu. Für ihn setzt alles an der Basis an: deswegen Vereine statt Politik und Kirche. Nur an der Basis konnte sich für ihn das Christentum wieder durchsetzen (in Familien und Vereinen), nie von oben herab. Staatliche Maßnahmen konnten vielleicht Not lindern, aber darauf kam es Wichern nicht an. Er wollte christianisieren, und dazu war die Politik nicht zu gebrauchen. Erst nach Wicherns Tod begriff man, dass im Zeitalter des weltanschaulichen Pluralismus die Diakonie auch politisch offensiv um einen Mitgestaltungsanspruch kämpfen muss (man nennt dies „Wichern II“).

12. Wichern – ein Fazit

    • Wichern ging es nicht vorrangig um die soziale Frage, auch nicht um die Rettung einzelner Seelen, sondern um die Entkirchlichungsproblematik. Wichern war mehr als nur ein Pietist, der aus innerer Überzeugung Menschen helfen wollte. Seine Vision war die geistliche Erneuerung Deutschlands durch die Überwindung sozialer Missstände. Historisch gesehen ist Wichern mit diesem Ziel, eine christliche Gesellschaft wieder herzustellen, gescheitert.
    • Systemtheoretisch gesehen hat er aber ein wichtiges Ziel erreicht! Dem Christentum wurde Bedeutung gesichert, es wurde modernisiert. Wichern behielt den alten christlichen Inhalt und goss ihn in die neue zeitgemäße Form von Sozialarbeit.
    • Man darf Wichern nicht als Sozialpolitiker bewerten, sondern als Religionspraktiker. Er hat die Bedeutung der Kirche in der Moderne gesichert, weil er Verkündigung mit Diakonie verbunden hat.
    • Bis heute hat sich die Diakonie neben der Kirche als wirkungsvolle christliche „Zweitstruktur“ erwiesen, die in der Lage ist, durch Leistung auch religiöse Sinngehalte zu kommunizieren. Heute würde ohne die Diakonie kaum noch jemand Bezug zur Kirche finden.
    • Das duale System sozialer Sicherung (freie Träger und staatliche Träger gehen Hand in Hand) ist bis heute von Wichern geprägt.

13. Theodor Fliedner und die ersten Diakonissen

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es praktisch keine Mitarbeit der evangelischen Frau in der diakonischen Arbeit. Theodor Fliedner (1800-1864) gilt als Begründer der weiblichen Diakonie. 1822 übernahm er sein erstes Pfarramt in Kaiserswerth bei Düsseldorf. Da seine Gemeinde sehr verarmt war, unternahm er Kollektenreisen, die ihn 1832 zunächst nach Holland führten, wo er bei Mennoniten das Amt der Diakonisse kennen lernte, und danach nach England, wo er bei der Quäkerin Elizabeth Fry eine vielfältige kirchlich-soziale Tätigkeit erlebte.Völlig verzweifelt war damals nicht selten die Lage von verwitweten und unverheirateten Frauen. Fliedner sah es als seine große Sendung, diesen Frauen eine neue Aufgabe in der Gesellschaft zu geben. Nachdem Fliedner sich seit 1833 schon um entlassene weibliche Strafgefangene gekümmert hatte, eröffnete er zusammen mit seiner Frau Friederike 1836 in Kaiserswerth ein Krankenhaus. Der dortige Bedarf an Pflegerinnen führte ihn zur Gründung des Rheinisch-Westfälischen Diakonissenvereins. Die Einsegnung von Gertrud Reichardt am 20.10.1836 markierte den Beginn des neuzeitlichen Diakonissenwesens in Deutschland. Die Diakonissen bekamen von Fliedner die Tracht der verheirateten Bürgerfrau als Zeichen der Würde ihres Berufs. Hiermit eröffnete Fliedner der unverheirateten Frau ein neues Wirkungsfeld im öffentlichen Leben, und die Kaiserswerther Arbeit wurde zum Vorbild für weitere Mutterhausgründungen. Fliedner bildete ein ziemliches straffes preußisches System heraus, das auf unbedingten Gehorsam und Unterordnung aufgebaut war. Nicht die Eigenverantwortung, sondern der schlichte und pünktliche Gehorsam der Diakonisse standen obenan. Daneben sah auch Fliedner selbst die Notwendigkeit der männlichen Diakonie und gründete 1844 die zweite deutsche Diakonenanstalt (nach dem Rauhen Haus in Hamburg) in Duisburg. Die weibliche Diakonie fasste aber insgesamt im kirchlichen Leben viel schneller Fuß und stellte die männliche Diakonie auch zahlenmäßig weit in den Schatten: Bis 1900 entstanden im Deutschen Reich über 50 Mutterhäuser mit 10000 Diakonissen neben 17 Brüderhäusern mit insgesamt 2500 Diakonen.

14. Diakonische Konzeptionen

Mit den Namen Fliedner und Wichern verbanden sich zwei unterschiedliche Konzepte diakonischer Arbeit. Fliedner hatte als reformierter Pfarrer eine sehr kirchennahe Perspektive, während der Lutheraner Wichern, der nie ein Pfarramt übernehmen konnte, von Beginn an auf freie Vereine als Träger der diakonischen Arbeit setzte. Der Hauptunterschied war dabei die unterschiedliche Gewichtung von pflegerischen und missionarischen Aspekten. Während Wicherns soziale Aktivitäten immer aufs engste mit volksmissionarischen Intentionen verknüpft und am Ende auch dafür instrumentalisiert wurden, betonte Fliedner bewusst die pflegerischen Aspekte vor den missionarischen, sowohl bei den Diakonissen als auch bei den Diakonen.Nach innen war Fliedner viel stärker vom katholischen Ordensgedanken beeinflusst, was sich vor allem in der lebenslangen Bindung der Diakonissen und Diakone an die Ausbildungsstätte, dem Mutterhausprinzip, äußerte. Neben diesen Unterschieden aber entwickelte sich durch Fliedner und Wichern ein im Großen und Ganzen einheitlicher Typus von Diakonen und Diakonissen. Charakteristisch waren dafür die Begriffe Berufung, Gemeinschaft und Dienst. Die Grundlage des neuen Berufsbildes war die Überzeugung, berufen zu sein, woraus Wichern bald das Sendungsprinzip zur Arbeitsplatzfindung entwickelte. Man verstand sich nicht als Sozialarbeiter(in) mit christlicher Gesinnung, sondern als Reichsgottesarbeiter(in). Daher standen auch die geistliche und charakterliche Qualifikation im Vordergrund, die Bildungsvoraussetzungen spielten eine untergeordnete Rolle. Im Alltag wurde bei Diakonen und Diakonissen der Gemeinschaftsaspekt stark betont, da man davon ausging, nur in der gegenseitigen Bestätigung und Korrektur die Kraft zu empfangen, um den Dienst in einer oft kirchenfeindlichen Umgebung zu tun. Dabei war das Erziehungsziel immer die nachgeordnete Mitarbeit in der Inneren Mission, der Dienst aufopfernder Liebe. Hierbei flossen biblische Aspekte wie Demut, Zucht und Mäßigung schnell mit den preußischen Sekundärtugenden zusammen: Treue, Opferbereitschaft, Fleiß, Pünktlichkeit, Gehorsam, Bescheidenheit.Die Ehelosigkeit der Diakonissen war von Anfang an nie als Zölibat im Sinne eines geistlichen Gelübdes gedacht. Das Frauenbild der damaligen Zeit ließ es aber für Fliedner selbstverständlich erscheinen, dass eine Ehefrau ihre Aufgabe in der Hingabe an die Familie hätte, und dass von daher eine verheiratete Diakonisse rein pragmatisch nicht vorstellbar war. Bei den Diakonen allerdings war eine Verheiratung geradezu erwünscht, da viele Brüder als Leiter diakonischer Anstalten auf die Unterstützung einer Ehefrau angewiesen waren.Neben Fliedner entwickelten Franz Härter in Straßburg und Amalie Sieveking in Hamburg Alternativmodelle des Diakonissenwesens, die das gemeinschaftliche Leben und die demokratische Mitbestimmung der Schwestern stärker betonten. Sie setzten sich allerdings gegen das Fliednersche Modell nicht durch, da sich die Kaiserswerther Mutterhausdiakonie mit ihrer stark funktionalen Orientierung an sozialen Dienstleistungen und einer effektiven Kosten-Nutzen-Relation in das leistungsorientierte System der beginnenden Industriegesellschaft weitaus besser einfügen konnte. 1854 gründete der streng lutherische Wilhelm Löhe (1808 – 1872) ein Diakonissen-Mutterhaus in Neuendettelsau bei Nürnberg, das weitreichende Bedeutung bekam. Hermann Bezzel (1861-1917) übernahm als dritter Nachfolger von Wilhelm Löhe das Werk der bayrischen Erweckung. In seinem Amt als Rektor der Diakonissenanstalt und später als bayrischer Bischof arbeitete Bezzel für einen lutherisch-erwecklich-
diakonischen Aufbruch der Kirche.

4. Der Réveil in Frankreich

Die Erweckung in Frankreich war durch Auswirkung der Genfer Ereignisse bewirkt worden. Henry Pyt und Ami Bost predigten in Südfrankreich und führten viele Menschen zum Glauben. Aber erst durch Adolphe Monod (1802-56) kam es in den 1830er Jahren zu einer echten Erweckungsbewegung in Frankreich. Monod hatte sich 1827 in Neapel bekehrt und wurde Prediger der reformierten Gemeinden in Lyon. In einem Streit um den rechten Abendmahlsgenuss kam es zur Trennung von der reformierten Gemeinde und zur Gründung der ersten freien Gemeinde in Lyon unter Monod. Später wirkte er als Pastor in Paris, vernachlässigte aber niemals die erweckliche Evangelisationspredigt. Auch er konnte Tausende zum Glauben

5. Die Niederlande

Unter reformiertem Einfluss stand auch die Erweckung in den Niederlanden, die durch den Universalgelehrten Willem Bilderdijk (1759-1831) angestoßen wurde. Bilderdijk war Jurist, Philosoph, Historiker, Dichter und Schriftsteller in einem. Er wandte sich gegen den zunehmenden Liberalismus an den Universitäten und in der Politik, ohne die höheren Stände erreichen zu können. Sein Schüler wurde Groen van Prinsterer (1801-76), der zusammen mit Isaac da Costa die Erweckung in Holland durchsetzte. Charakteristisch wurde hier die starke Betonung des Calvinismus, der mit der Erweckung zu einer neuen Blüte kam. Dabei waren die Einflüsse der Genfer Erweckungstheologen entscheidend. Unter Abraham Kuyper drang dieser Neocalvinismus später auch in die Politik ein. Er führte zu verschiedenen Spaltungen innerhalb der reformierten Staatskirche in Holland, aber auch zur Gründung von protestantischen Parteien und einer eigenen, bibeltreuen Hochschule in Amsterdam.

6. Skandinavien

In Schweden blieb die durch die Herrnhuter vorbereitete Erweckungsbewegung in lutherischen Bahnen. Karl Olof Rosenius (1816-68) wirkte dort als Missionsprediger, der die kirchenkritischen Kreise sammeln und einigen konnte.
In Norwegenbegann die Erweckung mit dem Evangelisten Nils Hauge (1771-1824), der als Laienprediger von Stadt zu Stadt zog. Auch er warnte vor einer Trennung von der Landeskirche, drängte den Rationalismus zurück und hatte Einfluss auf Politik und Wirtschaft. So verblieben auch die norwegischen Erweckten innerhalb der lutherischen Kirche, bildeten aber missionarische Vereine auf Ortsebene.
Auch Dänemark kannte eine Erweckungsbewegung. Zu nennen ist hier Pastor Severin Grundtvig (1783-1872), der eine große Bewegung hinter sich bringen konnte. Auch hier stand der Einfluss auf die Gesellschaft sowie Bekehrung und Wiedergeburt im Mittelpunkt der Verkündigung.
In Finnland wird der Bauer Paavo Ruotsalainen (1777-1852) zum Führer einer volkstümlichen Erweckungsbewegung, die breite Volksschichten erreicht.

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