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Die Rechtfertigungslehre in der evangelikalen Bewegung (Forschungsprojekt)

Forschungsbeschreibung

Die Rechtfertigungslehre ist in der Geschichte des Protestantismus äußerst differenziert durchdrungen und entfaltet worden, gerade in den ersten beiden nachreformatorischen Jahrhunderten. Die Erweckungsbewegungen und den heutigen Evangelikalismus könnte man demgegenüber als eine Gegenbewegung sehen, die anstelle der dogmatischen Perfektionierung das persönliche Erleben der Rechtfertigungsbotschaft in den Fokus rückt. Man sieht sich dabei grundsätzlich im Einklang mit den reformatorischen Erkenntnissen, akzentuiert diese aber erstens durch die arminianische Überzeugung der menschlichen Autonomie und Freiheit, weshalb der Mensch zur willentlichen Buße und Hingabe des Lebens an Gott aufgerufen werden kann. Dies führt zweitens zu einer entscheidenden Anfangserfahrung des Glaubens, der Bekehrung, die zumeist als punktuelles Erlebnis gefasst wird, das empirisch nachgewiesen werden kann, entweder emotional, wie bei Francke und Wesley, oder im öffentlichen Bekenntnis durch das Nach-vorne-kommen wie bei Finney, oder durch körperliche Phänomene wie in der Pfingstbewegung. Darauf aufbauend kommt es dann drittens zur dauerhaften Sicherung der Erfahrung durch bleibende Lebensveränderung, also die Erfüllung mit Liebe, die Vermeidung von Tatsünden, den missionarischen Erfolg oder den Gebrauch von Geistesgaben.
Die evangelikale Theologie versucht also, eine einseitig intellektualisierte und doktrinär entfaltete Rechtfertigungslehre dadurch wieder in ein Gleichgewicht zu bringen, dass man den aus ihrer Sicht zu sehr vernachlässigten Aspekt der Erfahrung in den Blick rückt. Das ist sehr modern und hat mit dazu beigetragen, dass das evangelische Christentum in der Neuzeit für viele Menschen überhaupt noch relevant ist. Es nimmt den neuzeitlichen Menschen in seiner Individualität ernst und würdigt sein Freiheitsbewusstsein. Die Gefahr aber ist, dass damit der theologische Gewinn der klassischen reformatorischen Erkenntnis so überdeckt wird, dass er letztlich ganz verloren geht.

Projektrahmen

Förderung

Haushalt der Ev. Hochschule Tabor

Vernetzung

  • Theologische Hochschule Elstal
  • Symposium der Theologischen Hochschule Elstal vom 12.-14.11.2015: „Aus Glauben gerecht“ — Weltweite Wirkung und ökumenische Rezeption der reformatorischen Rechtfertigungslehre
  • Vortrag am 13.11.2015 an der Theologischen Hochschule Elstal

Publikationen

Freiheit, Erlebnis, Veränderung! Die Rechtfertigungsbotschaft in den Erweckungsbewegungen und im Evangelikalismus, in: Oliver Pilnei, Martin Rothkegel (Hg.): Aus Glauben gerecht: Weltweite Wirkung und ökumenische Rezeption der reformatorischen Rechtfertigungslehre, Leipzig 2017, 139-160 (Erhältlich im Shop).

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