Orientierung

Marburger Theologie- und Diakonieweg

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Dies ist ein Projekt der Evangelischen Hochschule Tabor als Geschenk für die Stadt Marburg zum 800. Geburtstag im Jahr 2022.

Auf einem ca. 2 Kilometer langen Rundweg im an die Dürerstraße in Marburg angrenzenden Wald werden 16 Persönlichkeiten der christlichen Theologie- und Diakoniegeschichte auf Schautafeln vorgestellt, die alle eine Zeit lang in Marburg gelebt haben. Hier auf dieser Webseite erfahren Sie mehr über die einzelnen Personen. Die Inhalte sind auch als Audio-Guide abspielbar.

 

01 Elisabeth von Thüringen

 

 Die Elisabethkirche gilt als wichtiges Wahrzeichen der Stadt Marburg. Errichtet wurde sie über dem Grab Elisabeth von Thüringens, deren Andenken in Marburg auch nach 800 Jahren noch lebendig und inspirierend ist.

Elisabeth wurde am 7.7.1207 als Tochter des ungarischen Königspaares geboren. Schon im Alter von vier Jahren wurde sie aus bündnispolitischen Erwägungen mit dem thüringischen Thronfolger verlobt und wurde deshalb zur Erziehung auf die Wartburg nach Eisenach gebracht. Schon als Kind soll sie dort eine tiefe Frömmigkeit ausgestrahlt haben.

Sobald sie mit 14 Jahren ehemündig war, fand 1221 die Hochzeit mit dem 21-Jährigen Landgrafen Ludwig statt, den sie tatsächlich sehr liebgewonnen hatte! Aus der glücklichen Ehe gingen drei Kinder hervor.

Als Landgräfin von Thüringen setzte sich Elisabeth ungewöhnlich tatkräftig für die Armen und Kranken in ihrem Land und vor allem in Eisenach ein. Sie versuchte, einen schlichten Lebensstil zu pflegen und orientierte sich an den Idealen ihres Zeitgenossen Franz von Assisi.

Nach 6-jähriger Ehe musste ihr Mann auf einen Kreuzzug ziehen und fand dabei in Süditalien durch eine Seuche den Tod. Elisabeth war dadurch schon im Alter von 20 Jahren Witwe und musste die Wartburg verlassen. Sie bekam eine reiche Abfindung und musste sich im äußersten Grenzland des damaligen Thüringens — in Marburg - niederlassen. Vor den Toren der Stadt, auf dem Gelände der heutigen Elisabethkirche, ließ sie ein einfaches Wohnhaus und ein kleines Krankenhaus mit einer integrierten Kapelle errichten. Drei Jahre lang kümmerte sie sich dort aufopferungsvoll um die armen und leidenden Menschen Marburgs. Oft verschenkte sie Lebensmittel, oder lud die Menschen zu Lagerfeuern ein und wusch ihnen die Füße. Es wird berichtet, dass die Armen sich so wohlfühlten, dass sie spontan anfingen zu singen. Als Elisabeth das hörte, rief sie aus: „Seht, ich habe es doch gesagt, wir sollen die Menschen froh machen!“

Doch der diakonische Dienst zehrte sie auch aus. Am 17.11.1231 starb sie im Alter von nur 24 Jahren in Marburg und wurde in der Kapelle ihres Hospitals beigesetzt. Viele besuchten ihr Grab und berichteten hinterher von wundersamen Heilungen ihrer Krankheiten. Über 100 solcher Berichte wurden gesammelt und führten zusammen mit den Berichten über ihr vorbildhaftes Leben dazu, dass Elisabeth 1235 offiziell von der Kirche heiliggesprochen wurde.

Der Deutsche Orden baute deshalb über ihrem Grab die erste reingotische Kirche östlich des Rheins. Unter Elisabeths Enkel kam es nur wenige Jahrzehnte später zur Gründung des Landes Hessen und 300 Jahre später führte ihr Nachfahre Philipp der Großmütige die Reformation ein und Marburg wurde evangelisch. Dies führte auch dazu, dass die Gebeine Elisabeths aus der Eilsabethkirche entfernt wurden, was aber der bleibenden Anziehungskraft des Vorbilds der Heiligen Elisabeth bis heute keinen Abbruch tut. (FL)

02 Martin Luther

 

Martin Luther wurde 1483 in Eisleben geboren. Der Sohn einer wirtschaftlich aufstrebenden Familie studierte erfolgreich in Erfurt die Freien Künste und begann anschließend ein Jura-Studium mit dem Ziel einer höheren Laufbahn. Inmitten einer religiösen Krise geriet er im Jahr 1505 in ein Gewitter. Aus Angst um sein Seelenheil gelobte er, Mönch zu werden. Er trat in den Augustinerorden in Erfurt ein. Dort begann er ein Theologiestudium und wird 1512 Professor an der Universität Wittenberg. Mehr und mehr entdeckt Luther in den biblischen Texten, dass alle menschlichen Versuche, die Nähe Gottes durch eigene Leistungen zu erlangen, vergeblich sind. Gott liebt die Menschen bedingungslos. Jesus Christus predigte die grenzenlose Gnade Gottes. In seinem Kreuz und seiner Auferstehung handelt Gott zu unserem Heil. Allein das Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes lässt uns Kinder Gottes sein.

Zunehmend übte Luther Kritik an Missständen der damaligen Frömmigkeit und Kirche. Vor allem die Veröffentlichung von 95 Thesen im Jahre 1517 sorgte im ganzen Reich für Aufmerksamkeit. Die Kirche machte ihm den Prozess. Doch auf dem Wormser Reichstag von 1521 weigerte er sich vor dem Kaiser und den wichtigsten Machthabern des Reiches, seine Lehre zu widerrufen.

In vielen Regionen Deutschlands und darüber hinaus kam es zu Kirchenreformen, aus denen die heutigen Evangelischen Kirchen hervorgehen. Ab 1525 fand eine solche Reformation auch in Hessen statt. Die heutige Philipps-Universität Marburg wurde 1527 gegründet. Sie ist weltweit die älteste protestantische Universität.

Im Oktober 1529 kam es in Marburg zur ersten und einzigen Begegnung aller damals wichtigen Reformatoren im deutschsprachigen Raum. In vielen theologischen Grundfragen kamen sie überein. Sie teilten die Erkenntnis, dass Gottes Liebe nicht verdient werden kann und der Glaube allein entscheidend ist. Am Ende gelang es ihnen nicht, Streitigkeiten um die Gegenwart Christi im Abendmahl beizulegen. Gleichwohl war das Marburger Religionsgespräch ein Meilenstein. Im 20. Jahrhundert konnten Protestanten in aller Welt an das Ergebnis der damaligen Gespräche anknüpfen und sich miteinander in einer Ökumene der Kirchen verbinden. Als Luther 1546 in Eisleben starb, galt er als Begründer einer neuen evangelischen Kirche, deren Einfluss in vielen Ländern Europas unübersehbar war. (TD)

03 Ulrich Zwingli

 

Ulrich Zwingli wurde 1484 in Wildbad geboren. Ab 1498 studierte er in Wien und Basel. Zwischen 1506 und 1516 wirkte Zwingli als Pfarrer in Glarus. Zwingli wurde in dieser Zeit stark beeinflusst von der humanistischen Bewegung, die vor allem durch den berühmten Gelehrten Erasmus von Rotterdam angeregt wurde. Von einer umfassenden Bildung der Menschen erwartete er eine Verbesserung der geistlichen und sozialen Lebensverhältnisse. 1516 wurde Zwingli Pfarrer im berühmten Wallfahrtsort Einsiedeln. Zunehmend kritisierte er nun Aberglaube und Veräußerlichung der katholischen Volksfrömmigkeit. Er setzte sich für ein gründliches Studium der Heiligen Schrift ein, die für ihn die einzig gültige Autorität in allen Fragen des Glaubens und Lebens waren.

Ab 1519 wirkte Zwingli in Zürich am Großmünster. Während einer Pest in Zürich verließ Zwingli seine Gemeinde nicht, sondern stand ihr als Seelsorger bei. Er selbst erkrankte schwer und schwebte Monate lang zwischen Leben und Tod. Nach seiner Genesung trat Zwingli umso entschlossener auf. In der Fastenzeit 1522 war Zwingli dabei, als Zürcher Gläubige demonstrativ das kirchliche Fastengebot brachen und gemeinsam Wurst aßen, als Zeichen, dass allein Gottes Wort und keine menschlichen Gesetze verbindlich sein. In den folgenden Jahren setzte sich Zwingli in Zürich und darüber hinaus für eine Reformation des Glaubens und Lebens ein. Gemeinsam mit Mitarbeitern übersetzte er die Bibel ins Deutsche und legte den Grundstein für die bis heute weit verbreitete Zürcher Bibel.

Für eine Religionsfreiheit im heutigen Sinne setzte er sich genauso wenig ein wie die Katholische Kirche. Mitte der 1520er Jahre wurde er von täuferischen Bewegungen herausgefordert, die die Kindertaufe ablehnen. Er kritisierte diese Absonderung der Gläubigen von der Bürgergemeinschaft und duldete, dass der Rat der Stadt führende Täufer wegen Aufruhr zum Tode verurteilte und hinrichten ließ.

Zwingli hatte von Martin Luther viel gelernt. Er war aber gegen dessen Deutung einer leibhaftigen Gegenwart Christi im Abendmahl aufgrund der biblischen Worte „Das ist mein Leib“. Er forderte ein symbolisches Verständnis dieser Worte, da der Auferstandene zur Rechten Gottes sitze und nicht gleichzeitig in einer Hostie anwesend sein könne. Die wachsenden Spannungen zwischen Luther und Zwingli führten zum Marburger Religionsgesprächs 1529. In den Marburger Artikeln formulieren die Reformatoren in 14 von 15 Themen ein gemeinsames Verständnis der christlichen Botschaft. Anders als Luther hält Zwingli die Unterschiede im Abendmahlsverständnis nicht für so gravierend, dass sie einer Gemeinschaft der Kirchen im Wege stünden.

1531 ist Zwingli Teil eines Zürcher Heeres, das den Widerstand der altgläubigen Kantone gegen die Verkündigung des Evangeliums auch mit militärischen Mitteln glaubt überwinden zu können. In den Kämpfen kommt Zwingli zu Tode. (TD)

04 Heinrich Jung-Stilling

 

Johann Heinrich Jung wurde 1740 in einfachen Verhältnissen in Grund bei Siegen geboren. Nach unsteten frühen Berufsjahren als Dorflehrer und Schneidergeselle nahm er 1770 in Straßburg ein Medizinstudium auf. Nach seiner Promotion 1772 wandte er sich vor allem der Augenheilkunde zu und wurde zu einem anerkannten Operateur von Starerkrankungen. In Straßburg lernte er Johann Gottfried Herder und den jungen Johann Wolfgang Goethe kennen. Vor allem Goethe war von Jungs lebendigen Erzählungen aus seiner Jugend so beeindruckt, dass er ihn zum Verfassen einer Autobiographie anregte und selbst den ersten Band herausgab. Die Lebensbeschreibung von Jung wurde ein großer literarischer Erfolg des 18. Jahrhunderts. Zunehmend verknüpfte er in seinen Büchern seine Lebens- und Glaubensgeschichte und wurde so zu einem der bekanntesten christlichen Schriftsteller seiner Zeit. Der vielfältige Umgang mit religiös-pietistischen Zirkeln machte ihn zu einem der bekanntesten Freunde der „Stillen im Lande“, wie man sie nannte. Schließlich begann er sich selbst in seinen Büchern „Jung-Stilling“ zu nennen.

Über seine ärztliche Tätigkeit hinaus entwickelte Jung starkes Interesse an wirtschaftlichen Zusammenhängen. Ab 1778 wird er auf verschiedene Professuren für Ökonomie und Finanzwissenschaften berufen. In Marburg liegt seine längste Wirkungszeit. Zwischen 1787 und 1803 lebte er hier als Professor der Universität, der zusätzlich noch als Arzt und christlicher Schriftsteller eine breite Wirksamkeit entfaltete.

Die wachsende Skepsis des Zeitalters der Aufklärung gegenüber dem Christentum beunruhigten Jung-Stilling zunehmend. In seiner Biografie berichtet er über die Anfechtungen, die ihm aus der Vorstellung erwuchsen, dass das ganze Leben durch die naturgesetzliche Ordnung der Natur bestimmt sei. In dieser Situation wurde ihm die von einem Freund empfohlene Philosophie Immanuel Kants eine große Hilfe. Dessen Einsicht, dass die Vernunft die Existenz Gottes oder die Freiheit des Willens weder beweisen noch widerlegen könne, befreite Jung-Stilling aus seinen Zweifeln. Getröstet verlässt sich Jung-Stilling fortan auf die Offenbarung Gottes in der Bibel.

Im Alter wurde Jung-Stilling immer skeptischer gegenüber dem Rationalismus seiner Zeit. In seinem Alterswerk „Das Heimweh“ beschrieb er eine große allegorische Reise einer Gruppe von Menschen, die das diesseitige und rationalistische Denken ihrer Zeit immer stärker als Versuchung durchschauen, der zu widerstehen sei. Jung-Stilling orientiert sich zunehmend an pietistischer Frömmigkeit, die ein biblisches Christentum verwirklichen möchte. Mit seinen Werken wird Jung-Stilling für viele eine Hilfe, auch in moderner Zeit am christlichen Glauben festzuhalten. (TD)

05 Elias Schrenk

 

Elias Schrenk wurde am 19. September 1831 in Hausen ob Verena in Württemberg geboren. Mit 16 Jahren begann er eine Kaufmannslehre in Tuttlingen. Später arbeitete er beim Fabrikanten Carl Mez in Freiburg und war von dessen tiefer Frömmigkeit so beeindruckt, dass er beschloss, sein Leben für Jesus Christus einzusetzen.

Dafür trat er 1854 mit 23 Jahren zur Ausbildung ins Baseler Missionshaus ein. Schwere Kopfschmerzen und eine Rückenmarkserkrankung machten allerdings einen Missionseinsatz immer unwahrscheinlicher. Schließlich fand Schrenk nach fünf Jahren überraschend Heilung in einem christlichen Erholungsheim durch die Handauflegung von Seelsorgerin Dorothea Trudel. So wurde sein größter Wunsch doch noch wahr: Er reiste als Missionar nach Ghana.

Nach fünf Jahren erkarnkte er dort an Malaria, und kehrte zunächst nach Deutschland zurück. Nach seiner Genesung heiratete er seine Frau Berta und ging mit ihr nochmals für 6 Jahre nach Ghana. Nach der Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1872 dauerte es nochmals 12 Jahre bis Elias Schrenk seine eigentliche Lebensaufgabe als Evangelist in Deutschland fand. Damals war er bereits 53 Jahre alt. Schrenk hielt Vortragsreihen in ganz Deutschland. Er sprach in Groß- und Kleinstädten, in Kirchen, Vortragssälen, Tanzlokalen, Turnhallen und Zirkuszelten.

Um seinen Kindern eine gute Schulbildung zu ermöglichen, zog er im September 1886 nach Marburg. Hier lebte die Familie dreieinhalb Jahre lang in einem Haus am Grün mit Blick auf das Schloss und der Möglichkeit im Winter auf der zugefrorenen Lahn Schlittschuh zu laufen.

In seiner Arbeit als Reiseevangelist versuchte er den christlichen Glauben vor allem denjenigen wieder nahezubringen, die sich dafür kaum noch interessierten. Dabei sprach er sehr nüchtern, z.B. mit dem Satz: „Ich rate Ihnen, stille zu werden!“ Teilweise arbeitete er gegen starken Widerstand. Es kam vor, dass er mit Jauche übergossen wurde oder dass auf den Versammlungssaal, in dem er predigte, geschossen wurde. Trotzdem fanden viele durch ihn wieder einen neuen Bezug zum christlichen Glauben. Gleichzeitig förderte er die entstehende evangelische Gemeinschaftsbewegung, die sich 1888 als Gnadauer Verband für Evangelisation und Gemeinschaftspflege organisierte. Noch in seinem letzten Lebensjahr machte er Vortragsreisen in Deutschland und starb am 21. Oktober 1913 im Alter von 82 Jahren in Bielefeld-Bethel. (FL)

06 Henriette Schüler

 

Wenn man von Süden nach Marburg kommend in die Schwanallee einfährt, fällt einem sofort der riesige Schriftzug „Jesus lebt!“ an einer Hauswand auf. Es sind die Worte der sozial engagierten Pfarrerswitwe Henriette Schüler. Sie wirkte hier auf dem Gelände des heutigen Marburger Bibelseminars.

Henriette Schüler wurde 1844 als 7. Kind des reichen niederländischen Tabak-Importeurs Jakob Ankersmit geboren. Als Jugendliche lebte sie 3 Jahre lang in einem Mädcheninternat in England. Hier gewann sie als erste aus ihrer Familie einen tiefen inneren Bezug zum christlichen Glauben.

Mit Anfang 20 heiratete sie den deutschen Pfarrer August Schüler und wirkte zunächst als Pfarrfrau in Groß-Karben in der Wetterau und Breungeshain im Vogelsberg, bevor sie 1875 nach Marburg an den Rotenberg umzogen, um hier sozialdiakonisch zu wirken.

Doch schon bald ging Henriette Schüler durch schwere Zeiten. Zunächst starb ihr Mann im Alter von nur 48 Jahren. Wenige Jahre später auch noch zwei ihrer drei Kinder  - jeweils mit nur 15 Jahren. Als kurz darauf zwei junge Marburgerinnen sich selbst in der Lahn ertränkten, weil sie ungewollt schwanger geworden waren, reifte in ihr der Plan, ihre Kraft nun ganz für andere junge Menschen in Not einzusetzen.

Am 28.5.1888 gründete sie ein „Versorgungshaus für erstgefallene Mädchen und deren Kinder“ in der Schwanallee 57. Heute würde man das vielleicht „Mutter-Kind-Haus“ nennen. Hier – damals weit draußen vor den Toren der Stadt Marburg – wurden junge Frauen aufgenommen, die von ihren Familien wegen einer erstmaligen unehelichen Schwangerschaft verstoßen worden waren. Solche Frauen setzten ihrem Leben oft selbst ein Ende oder sahen nur eine Existenzmöglichkeit als Prostituierte. Im Versorgungshaus bekamen sie mit ihren Kindern in bewusst christlicher Atmosphäre eine neue Lebensperspektive.

Als die Kräfte von Henriette Schüler schwanden und sie 1903 nach Königsberg umzog, übergab sie das Versorgungshaus in die Hände des Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverbandes unter Pfarrer Theophil Krawielitzki. Dieser führte die Arbeit mit vielen seiner Diakonissen fort. Dadurch entstand schließlich 1908 das Diakonissenmutterhaus Hebron, das später nach Wehrda umzog. Das Versorgungshaus selbst entwickelte sich zunächst zu einem Kinderheim. Heute wird das Gelände als christliches Bildungs- und Studienzentrum genutzt. (FL)

07 Wilhelm Herrmann

 

Wilhelm Herrmann wurde am 6. Dezember 1846 in Melkow (Altmark) als Sohn eines Pfarrers geboren. Von 1866 bis 1871 studierte er Theologie in Halle. Nach Tätigkeiten als Haus- und Gymnasiallehrer wurde er 1879 als Professor für Systematische Theologie nach Marburg berufen, wo er bis zu seiner endgültigen Emeritierung blieb. Er starb am 2. Januar 1922 in Marburg.

Herrmann stellte sich sein Leben lang der Aufgabe, wie der christliche Glaube in der modernen Welt verantwortet werden kann — Und zwar ohne vor den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Zeit zu fliehen und ohne das Vertrauen auf Gottes Wirklichkeit in Jesus Christus aufzugeben. Herrmann lehnte alle Versuche ab, den Glauben an Gott vermeintlich wissenschaftlich zu begründen. „Von Gott können wir nur sagen, was er an uns tut“, so lautete sein berühmter und viel zitierter Ausspruch. Keine metaphysischen oder spekulativen Überlegungen könnten dem Menschen Halt geben, sondern einzig die Person Jesu. Dabei müsse man den Schwierigkeiten, die die historische Erforschung des Lebens Jesu mit sich bringe, nicht ausweichen. Der Glaube beruhe nicht auf dem vermeintlich sicheren Wissen, was Jesus wirklich gesagt und getan habe. Vielmehr sei das innere Bild seiner Persönlichkeit entscheidend. In Jesus kann uns die Begegnung mit der absoluten Liebe und Güte Gottes widerfahren. Es ist dieses Erlebnis des absoluten Guten, das in uns ein Vertrauen bewirkt, in aller Unsicherheit des Lebens geborgen zu sein.

Die besondere Bedeutung der Religion machte Herrmann auch innerhalb einer umfassenden Darstellung von Ethik deutlich. Im engen Anschluss an Immanuel Kant sieht auch Herrmann den Menschen gefordert von der unbedingten sittlichen Inanspruchnahme durch das Gewissen. Diese Forderung müsste den Menschen verzweifelt zurücklassen, wenn er nicht in der Begegnung mit Gott der Vergebung gewiss werden könne. Dann werde ihm die christliche Religion auch zu einer beständigen Kraft, gemäß der sittlichen Forderung wirklich leben zu können.

Wilhelm Herrmann wurde nicht zuletzt auch durch seine Schüler ein einflussreicher Theologe des 20. Jahrhunderts. Sowohl Karl Barth als auch Rudolf Bultmann sind von ihm stark angeregt worden. Beiden ging es wie Herrmann darum, den Glauben an das Evangelium von Jesus Christus unter den Bedingungen der Gegenwart zu verantworten. (TD)

08 Julie Spannagel

 

Julie Spannagel gründete den St. Elisabeth-Verein, der heute einer der größten Träger sozialdiakonischer Arbeit in Marburg ist. 

Sie wurde 1848 in Voerde (einem heutigen Stadtteil von Ennepetal im Ruhrgebiet) in eine reiche Fabrikanten-Familie hineingeboren. Sie verlor allerdings schon in ihrem ersten Lebensjahr ihren Vater und wuchs allein mit ihrer Mutter und einer Schwester auf. Ihr Elterhaus war christlich geprägt und die wohlhabend aufwachsende Julie entwickelte schon früh ein Herz für die Armen in ihrer Stadt. Durch einen sehr lebendigen Konfirmandenunterricht entschied sie sich schon als Jugendliche für ein Leben in persönlicher Hingabe an Gott.

Im Jahr 1876, als Julie 28 Jahre alt war, zog sie mit ihrer Mutter nach Marburg in eine schöne neue Villa „Am Schlag“ oberhalb der Ketzerbach. Nur ein Jahr später stürzte ihre Mutter schwer die Treppe hinunter und starb. Julie war schwer getroffen und entschied sich zunächst, ihr großes Haus 1877 als Erholungsheim zu öffnen, in dem Diakonissen, Lehrerinnen und Krankenschwestern im Sommer Kuraufenthalte verleben konnten, bei denen sie äußerlich aber auch innerlich im christlichen Glauben gestärkt wurden.

Besonders aber fiel ihr die Not kleiner sozial vernachlässigter Kinder auf. Deshalb gründete sie am 19. November1879, dem Tag der Heiligen Elisabeth, gemeinsam mit drei anderen wohlhabenden Frauen und einem Pfarrer den Verein „St. Elisabeth“. Die ersten drei Kleinkinder wurden direkt in einem Wohnhaus aufgenommen und dauerhaft von einer Diakonisse versorgt. Daneben stellten sie bald eine zweite Diakonisse als Gemeindeschwester an, die arme und kranke Menschen in Marburg besuchte. Vier Jahre später weihten sie dann das Elisabethhaus im damaligen Kaffweg ein, heute Hermann-Jacobsohn-Weg. Hier befindet sich immer noch die Verwaltungszentrale des Elisabethvereins.

Neun weitere Jahre setzte sich Julie Spannagel unermüdlich tatkräftig und mit ihrem großen geerbten Vermögen für soziale Verbesserungen in Marburg ein. 1893 ermöglichte Julie Spannagel mit ihrem immensen finanziellen Einsatz die Eröffnung des als „Julienstift“ bekannten Gebäudes im Marbacher Leckergässchen - heute eine kirchliche Kindertagesstätte. Ein Jahr vor der Einweihung allerdings, schon im Oktober 1892, wurde Julie Spannagel zur Oberin des Darmstädter Diakonissenhauses berufen. Nachdem sie dreimal Anfragen abgelehnt hatte, weil sie eigentlich ihren Auftrag in Marburg sah, hatte sie nach der vierten Anfrage eine sehr unruhige Nacht und nahm den Ruf schließlich doch an, indem sie nach Darmstadt telegraphierte: „Wenn Sie mich noch haben wollen. Ja, mit Gottes Hilfe. Spannagel.“ So ließ sie sich zur Diakonisse einsegnen und arbeitete den Rest ihres Lebens, 13 Jahre lang, als Leiterin des Diakonissenhauses Elisabethenstift in Darmstadt. Gleichzeitig blieb sie aber zeitlebens Ehrenmitglied im Vorstand des Marburger Elisabethvereins und verfolgte intensiv die Entwicklung der Marburger Arbeiten.

Julie Spannagel lebte aus einer tiefen christlichen Überzeugung und hatte ein großes Herz für die Menschen. Sie sagte: „Lernen wir nur immer besser die Menschen in ihrer Eigenart nehmen, uns in sie versetzen und ihnen helfend und tragend die Liebeshand unterlegen.“ Damit hat sie den Impuls der heiligen Eilsabeth aufgenommen und in das 20. Jahrhundert vorbildhaft und inspirierend weitergetragen. (FL)

09 Adolf von Harnack

 

Karl Gustav Adolf Harnack wurde 1851 in Dorpat geboren, dem heutigen Tartu in Estland. Sein Vater war der damals einflussreiche konservative Theologieprofessor Theodosius Harnack. Ab 1869 studierte er Theologie in Dorpat und Leipzig. 1876 wurde er außerordentlicher Professor in Leipzig. Nachdem er 1879-1886 Professor für Kirchengeschichte in Gießen war, setzte er seine Tätigkeit 1886-1888 in Marburg fort. In dieser Zeit begann er die Veröffentlichung seines höchst wirkmächtigen dreibändigen Lehrbuchs der Dogmengeschichte. 1888 wechselte er an die Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität, an der er bis zu seiner Emeritierung 1924 wirkte. Für seine vielfältigen wissenschaftlichen Verdienste wurde er 1914 in den preußischen Adelsstand erhoben.

Mit seinen kirchengeschichtlichen Arbeiten wurde Harnack zum bedeutendsten Repräsentanten einer liberalen Theologie. In seinem Lehrbuch der Dogmengeschichte deutete Harnack die Dogmen der Alten Kirche als ein Werk des griechischen Geistes auf dem Boden des Evangeliums. So sehr man die intellektuelle Leistung vieler altkirchlicher Theologen anerkennen müsse, so wenig dürften doch die damaligen Formeln heute für uns bindend sein. In seiner weltweit beachteten Vorlesungsreihe „Das Wesen des Christentums“ von 1900 stellte Harnack dagegen das einfache Evangelium von Jesus Christus ins Zentrum des Glaubens. Das Wesen des Christentums lässt sich nach Harnack auf drei grundlegende Gedanken konzentrieren: 1. Die Botschaft Jesu vom kommenden Reich Gottes. 2. Die Vaterschaft Gottes und der unendliche Wert der Menschenseele. 3. Die bessere Gerechtigkeit und das Gebot der Liebe.

Harnack prägte nicht nur die Theologie seiner Zeit. Als Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, der heutigen Max-Planck-Gesellschaft, wurde er einer der bedeutendsten Wissenschaftsorganisatoren seiner Zeit. Seine Auffassung des Christentums wurde von den konservativ-pietistischen Kreisen jedoch stets als Verkürzung des Glaubens empfunden. Gleichzeitig waren seine persönliche Frömmigkeit und sein Dienst an Kirche und Gesellschaft unbestritten. Nach dem ersten Weltkrieg gehörte er zu der Minderheit in Kirche und Theologie, die sich für die moderne Demokratie aussprachen. Harnack starb am 10. Juni 1930 in Heidelberg. (TD)

10 Theophil Krawielitzki

 

Wofür lohnt es sich sein Leben einzusetzen? Was ist wirklich sinnvoll? Theophil Krawielitzki, der Pfarrer des kleinen Städtchens Vandsburg in Westpreußen hatte darauf Ende des 19. Jahrhunderts eine ganz eindeutige Antwort: „Seelen, Seelen und keine Allotria!“ Für ihn gab es nur dieses eine Lebensziel! Alles andere – Geld, Erfolg, Ehre usw. – nannten schon die alten griechischen Philosophen „Allotria“, d.h. „andere Dinge“, Nebensächlichkeiten, die den Menschen vom Eigentlichen ablenken. Das Eigentliche aber, worum es in diesem Leben letztlich geht, war aus Krawielitzkis Sicht nur eins: dass der Mensch sein Seelenheil findet! Dass Menschen Vergebung ihrer Schuld finden und ihr Leben so von Gottes Liebe erfüllt wird, dass sie gar nicht mehr anders können, als anderen Menschen den Weg zum ewigen Leben zu zeigen.

Dabei war Krawielitzki diese Priorität der „Seelenrettung“, wie man damals sagte, nicht schon in die Wiege gelegt, als er am 22.März 1866 im westpreußischen Rauden (das heutige polnische Rudno bei Pelplin) als einziges Kind eines Dorfpfarrers geboren wurde. Erst als er selbst schon Pfarrer war, mit knapp 30 Jahren, wurde ihm durch viele Gespräche mit einem einfachen Schmied aus seiner Vandsburger Gemeinde klar, welche Kraft ein lebendiger christlicher Glaube hat. Diese Erkenntnis hatte weltweite Auswirkungen, weil Krawielitzki gleichzeitig ein großes Organisationstalent war. Im November 1900 holte er acht junge Frauen nach Vandsburg und baute mit ihnen ein bis dahin in Deutschland einzigartiges Diakonissen-Mutterhaus auf. Krawielitzkis Schwestern wirkten nämlich in erster Linie als Evangelistinnen, die von Jesus erzählten. Er pflanzte ihnen diese Priorität so tief ins Herz, dass sie bei ihren sozialen Tätigkeiten immer im Blick behielten, dass die Menschen zu einem lebendigen Glauben an Jesus finden sollten. „Die Hauptsache ist, dass die Hauptsache die Hauptsache bleibt!“ Dieses Modell hat so viele junge Menschen angesprochen, dass es nach drei Jahrzehnten schon über 4000 Diakonissen und ein paar hundert „Tabor-Brüder“ im Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband gab.

In seinem letzten Lebensjahrzehnt hoffte Krawielitzki, dass der nationalsozialistische Aufbruch auch zu einer geistlichen Erweckung in Deutschland führen könnte. Deshalb wollte er bis zu seinem Tod im Jahr 1942 den antichristlichen und zerstörerischen Charakter des Dritten Reiches nicht wahrhaben. Dies musste von seinem Diakoniewerk nach dem 2. Weltkrieg mühevoll aufgearbeitet werden. (FL)

11 Rudolf Otto

 

Der 1869 in Peine geborene Rudolf Otto stammte ursprünglich aus einer streng gläubigen christlichen Familie. Im Laufe seines Theologiestudium wandte er sich zunehmend der liberalen Strömung zu, ohne seine eigenen pietistischen Wurzeln je zu verleugnen. Er wurde 1915 Theologieprofessor und wechselte 1917 nach Marburg, wo er bis zu seiner aus gesundheitlichen Gründen vorzeitigen Pensionierung 1929 blieb. 1936 stürzte er aus ungeklärten Gründen von der Burg Staufenberg in Hessen. Er erlag den Folgen seiner Verletzungen im Jahr 1937 in Marburg.

Zur großen Herausforderung seines theologischen Denkens wurde die Begegnung mit den Weltreligionen. Schon früh reiste Otto nach Nordafrika, in den Nahen Osten so wie schließlich nach Indien und Japan, um sich mit lebendigen Ausdrucksformen nicht christlicher Frömmigkeit auseinanderzusetzen. Einen Dialog der Religionen hielt er für lebensnotwendig. Gleichzeitig blieb er überzeugt von der überragenden Bedeutung der Offenbarung Gottes in Jesus Christus.

Ottos Werk Das Heilige (1917) markierte in mehrfacher Hinsicht einen Neubeginn des theologischen Nachdenkens. Seine Beschreibung Gottes als des „Ganz Anderen“ betonte die Transzendenz und Überweltlichkeit Gottes. Viele theologische Zeitgenossen griffen nach dem 1. Weltkrieg diese neue Betonung der Fremdartigkeit Gottes auf und gingen damit auf Distanz zur Liberalen Theologie. Auch Ottos Kategorie des Heiligen (als mysterium tremendum et fascinans), die das Irrationale und Transmoralische der Gottesidee betont, wird bis heute stark rezipiert.

Von seinen großen Weltreisen brachte er viele Anschauungsmaterialen von den Religionen der Welt, insbesondere aus Asien mit. Bis heute stellen sie den Grundstock der von ihm begründeten Religionsgeschichtlichen Sammlung der Universität Marburg dar. Gemeinsamkeit der Religionen und das besondere Profil des Christentums wurden von Otto gleichermaßen herausgearbeitet. Nach dem Ersten Weltkrieg trug Otto 1921 maßgeblich zur Gründung eines religiösen Menschheitsbundes bei, der unterschiedliche Religionsangehörige aus aller Welt ins Gespräch bringen sollte. Er gehört damit zu einem der wichtigsten Anreger eines Dialogs der Religionen. Neben seinen theologischen und religionswissenschaftlichen Impulsen setzte Otto sich auch für eine liturgische Erneuerung des Gottesdienstes ein, in dem die Erfahrung Gottes in neuer Weise wieder für die Menschen der Gegenwart zugänglich werden sollte. (TD)

12 Emilie Siekmeier

 

Emilie Siekmeier wirkte in Marburg ein Viertel Jahrhundert lang als erste Generaloberin des Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverbands, dessen diakonischen Aktivitäten bis heute von Marburg aus koordiniert werden.

Emilie Siekmeier wurde 1871 in Detmold im Lipperland geboren und fand in einer neuen christlichen Jugendbewegung, dem Jugendbund für entschiedenes Christentum, EC genannt, zu einem lebendigen christlichen Glauben. Mit Mitte Zwanzig stand ihr Entschluss fest, Diakonisse zu werden. Sie konnte sich nur noch nicht entscheiden, in welches Mutterhaus sie eintreten sollte. Schließlich hörte sie im Lipperland von einer Neugründung eines Schwesterhauses in der Prägung des EC-Jugendbunds ganz im äußersten Osten des deutschen Reiches, in Ostpreußen. Wenn sie gefragt wurde, wo das sei, dann sagte sie einfach immer: „Hinter Berlin!“ Ihr Vater soll dann nur den Kopf geschüttelt und gesagt haben: „Mädchen, Mädchen, hinter Berlin, bist du dir so sicher darin?“ Und sie antwortete: „Ich bin mir ganz sicher!“ 28 Jahre alt war sie da im Jahr 1899 schon, und damit die älteste der vier ersten Schwestern im ostpreußischen Borken. Der erste Leiter verstarb früh, so dass die kleine Schwesternschaft schon ein Jahr später zu Pfarrer Theophil Krawielitzki ins westpreußische Vandsburg zog. Schon 1903 wurde Emilie Siekmeier die Leitung des inzwischen auf 60 Schwestern angewachsenen Mutterhauses übertragen. Sie bewies in dieser verantwortungsvollen Aufgabe großes Geschick, so dass die Schwesternschaft unter ihrer Führung bald auf 4000 Diakonissen anwuchs. Im Januar 1924 zog sie deshalb nach Marburg in die Zentrale des Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverbands, von wo aus sie bis zu ihrem Tod 1948 über 20 Jahre lang als sogenannte „Werkmutter“ die auf mehrere Mutterhäuser angewachsende Schwesternschaft leitete. Für Tausende von Schwestern war sie Chefin, Seelsorgerin, Beterin und ein geachtetes Vorbild für ein Leben als Diakonisse im 20. Jahrhundert. (FL)

13 Hedwig Jahnow

 

Hedwig Jahnow wurde am 21. März 1879 in Rawitsch im heutigen Polen in eine jüdische Familie geboren. 1880 trat die Familie zum Christentum über und nahm den Familiennamen Jahnow an. Die Tochter Hedwig besuchte eine private Lehrerinnenbildungsanstalt in Berlin. Später schreibt sie sich als Externe an der Berliner Universität ein und legt im November 1906 die Prüfung zur „akademisch gebildeten Oberlehrerin“ für die Fächer Geschichte und evangelische Religion ab. Dies schloss die Lehrbefähigung für das Fach Deutsch ein. 1907 trat sie dann ihre erste Stelle an der Elisabethschule in Marburg an. Neben ihrer Lehrtätigkeit verfasste sie zahlreiche Aufsätze zu den verschiedensten Themen. Den Gipfel ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit erreichte sie mit ihrer Monografie über das „Hebräische Leichenlied im Rahmen der Völkerdichtung“, für die ihr die Universität Gießen 1926 den Ehrendoktortitel im Fach Altes Testament verlieh.

Neben der schulischen und wissenschaftlichen Tätigkeit engagierte sich Hedwig Jahnow politisch. Direkt nach der Einführung des Frauenwahlrechts zog sie im Frühjahr 1919 für die Deutsche Demokratische Partei in die Stadtverordnetenversammlung ein und wurde am 15. Juni 1920 als erste Frau in den Magistrat gewählt.  Zudem bereitete sie als Mitglied des „Kuratoriums für die Höheren Lehranstalten“ den Ausbau der Elisabethschule zu einer Vollanstalt vor: So konnten auch Mädchen leichter das Abitur erwerben. Ihre Laufbahn als Lehrerin erreichte ihren Höhepunkt mit der Ernennung zur stellvertretenden Direktorin der Elisabethschule 1925. Sie führte die erste Klasse zum Abitur und leitete die Aufführung eines selbstgeschriebenen Theaterstückes zum 50-jährigen Jubiläum der Schule. Gerne führte sie Schillersche Dramen auf und übernahm darin oft selbst die Hauptrolle, wenn sie z.B. mit durchdringender Stimme den Monolog aus Maria Stuart sprach: „Ich lebe noch, ich trag es noch zu leben, stürzt dieses Dach nicht sein Gewicht auf mich?“ Niemand ahnte dass solche inhaltsschweren Worte bald schon Wirklichkeit werden sollten…

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten änderte sich für die nun 54jährige zunächst erstmal nichts. Da sie bereits vor 1914 Beamtin war, durfte sie ihre Stellung behalten. Obwohl sie einer jüdischen Schülerin bereits 1933 riet, sich auf eine Auswanderung vorzubereiten, fühlte sie sich selbst nicht bedroht. Zum Jahresende 1935 allerdings versetzte man sie kurzerhand in den Ruhestand. Noch aber konnte sie reisen, noch in der Universitätsbibliothek die lange vernachlässigte wissenschaftliche Arbeit weiterführen. Noch war ihre Wohnung in der Wilhelmstraße 3 mit der Freundin Frieda Staubesand nicht gefährdet. Aber ihre Rechte wurden immer weiter eingeschränkt. Ein Versuch, nach England zu emigrieren, scheiterte. Im Mai 1942 wurde sie von einer Untermieterin denunziert und zusammen mit ihrer Freundin verhaftet und wegen Abhörens von Fremdsendern zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Zur Strafverbüßung brachte man sie zuerst nach Ziegenhain. Anfang September 1942 wurde Hedwig Jahnow zur so genannten „Evakuierung“ ins KZ Theresienstadt „begnadigt“. Ihr wissenschaftlicher Nachlass und ihre Bibliothek gingen verloren. Mit den letzten Marburger Juden verließ Hedwig Jahnow Marburg. Zwei Jahre später, am 23. März 1944 verhungert sie kurz nach ihrem 65. Geburtstag in Theresienstadt. (FL)

14 Rudolf Bultmann

 

Der 1884 in Oldenburg geborene Rudolf Bultmann war durch sein Studium fest verwurzelt in einer liberalen Theologie, die den christlichen Glauben aus der Perspektive der Aufklärung zu verstehen suchte. Nach einer ersten Professur in Breslau 1916 und einer kurzen Anstellung in Gießen nahm er 1921 eine Berufung nach Marburg an, wo er bis zu seiner Emeritierung lehrte und bis zu seinem Tod im Jahr 1976 wohnte.

Nach dem ersten Weltkrieg schloss Bultmann sich dem theologischen Aufbruch der Wort-Gottes-Theologie an. Er kritisierte die liberale Theologie dafür, den christlichen Glauben zu stark auf subjektive Frömmigkeit und Moral reduziert zu haben. Als Theologieprofessor in Marburg entfaltete Bultmann immer gößeren Einfluss. Im Gespräch mit dem Philosophen Martin Heidegger durchdachte er die Frage, wie die Texte des Neuen Testaments nicht nur historisch verstanden, sondern für die heutige Zeit interpretiert werden können. Mit seinem Programm einer existenzialen Interpretation der Bibel versuchte Bultmann, die Relevanz der christlichen Botschaft für die Existenz des modernen Menschen zu formulieren.

Zu einer solchen modernen Interpretation der christlichen Botschaft zählte er auch eine kritische Aufgabe. In seinem Vortrag Neues Testament und Mythologie (1941) forderte Bultmann eine Entmythologisierung der neutestamentlichen Botschaft. Die Botschaft von der Liebe Gottes in Jesus Christus sei im Neuen Testament mit einem mythologischen Weltbild mit Dämonen und Wundern verbunden, das dem neuzeitlichen Menschen nicht mehr glaubhaft sei. Es bedürfe einer theologischen Interpretation der biblischen Botschaft, die dem modernen Menschen das Evangelium heute verständlich machte, ohne ihn zur Anerkennung eines Weltbildes zu nötigen, dass die moderne Wissenschaft überwunden habe.

In den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg erlangte Bultmann überragende Bedeutung für die evangelische Theologie, löste aber auch erbitterte Auseinandersetzungen in der Kirche aus. Unter dem Eindruck neuer theologischer Strömungen wie der Befreiungstheologie und der politischen feministischen Theologie verlor seine Theologie seit den 70er Jahren ihre überragende Bedeutung für die evangelische Theologie und die Kirchen. Als Klassiker der Theologie in Marburg steht sein Name für die Herausforderung, den christlichen Glauben angesichts des Wahrheitsbewusstseins der Neuzeit zu verantworten. (TD)

15 Karl Barth

 

Karl Barth wurde am 10. Mai 1886 als Sohn des Theologieprofessors Fritz Barth geboren. Nachdem die Familie nach Bern gezogen war, begann Karl Barth dort ein Theologiestudium, das er in Berlin, Tübingen und Marburg fortsetzte. In seiner Marburger Zeit 1908-1909 wurde Barth von führenden liberalen Theologen seiner Zeit wie Wilhelm Herrmann und Martin Rade geprägt. Er wurde Mitarbeiter der in Marburg herausgegebenen Zeitschrift Die Christliche Welt, dem bedeutendsten Organ der modernen Theologie.

Nach einem Vikariat in Bern war Barth zehn Jahre lang Pfarrer in Safenwil in der Schweiz. Angesichts der sozialen Gegensätze seiner Zeit wandte Barth sich dem Sozialismus zu und setzte sich für die sozialen Belange der Arbeiter ein. Als Theologie und Kirche den Beginn des Ersten Weltkrieges in Deutschland einhellig begrüßten, bekam Barth massive Zweifel an der Liberalen Theologie seines Studiums. Während des 1. Weltkrieges arbeitete Barth an einer theologischen Auslegung des Römerbriefs, die nach Kriegsende großes Aufsehen auslöste. Barths Absage an die liberale Theologie und seine Forderung nach einer biblischen Theologie, die sich an der Offenbarung Gottes in Jesus Christus orientiert, führte zu einer Wende der Theologie insgesamt. Barth wurde 1921 zum Theologieprofessor in Göttingen berufen. Anschließend wirkte er in Münster und Bonn.

Von Anfang an sah Barth den Aufstieg des Nationalsozialismus mit größter Ablehnung. Nach der Machtergreifung unterstützte Barth sehr stark die Bekennende Kirche in Deutschland. Er wirkte maßgeblich an der Barmer Theologischen Erklärung mit. Als Barth an der Universität Bonn entlassen und mit Rede- und Predigtverbot belegt wurde, wechselte er an die Universität Basel. Dort widmete er sich der Fortführung seines Hauptwerks, der unvollendeten Kirchlichen Dogmatik. Nach dem zweiten Weltkrieg galt Karl Barth neben Rudolf Bultmann als bedeutendster theologischer Lehrer seiner Zeit. Die Barmer Theologische Erklärung gegen den Nationalsozialismus ist heute verbindlicher Teil vieler kirchlicher Grundordnungen und Verfassungen in Deutschland. Barth starb am 10. Dezember 1968 in Basel. (TD)

16 Paul Tillich

 

Paul Tillich wurde 1886 als Sohn des konservativen Pfarrers Johannes Tillich in Starzeddel geboren. Tillich studierte Theologie und Philosophie in Berlin, Tübingen und Halle. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges meldete sich Tillich freiwillig als Militärpfarrer. Erschüttert von der Grausamkeit des Krieges, suchte Tillich nach dem Krieg nach einer Erneuerung des theologischen Denkens für unsere krisengeschüttelte Welt. Er wird Privatdozent an der Universität in Berlin, Theologieprofessor in Marburg in den Jahren 1924 bis 1925. Anschließend lehrte Tillich in Dresden und Frankfurt. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten musste Tillich Deutschland verlassen und ging ins Exil in die USA. Dort lehrte er zunächst in New York, nach dem Zweiten Weltkrieg in Harvard und in Chicago.

Tillichs Denkweg gleicht einer unentwegten Grenzwanderung. Er bewegt sich auf der Grenze von Theologie und Philosophie, Christentum und moderner Kultur, Glaube und Zweifel, USA und Europa. Grundlegend ist für Tillich die Einsicht, dass die Inhalte des christlichen Glaubens immer wieder neu als Antwort auf die Fragen verstanden werden müssen, die die Menschen einer jeweiligen Kultur wirklich stellen. Nur wenn es der Theologie gelingt, in direkten Bezug auf die jeweilige Situation ihre Botschaft zu vermitteln, kann sie glaubwürdig bleiben. Dabei muss die Theologie beides in den Blick nehmen: Auf der einen Seite die Frage nach dem, was uns unbedingt angeht, und zwar mit den kulturellen Ausdrucksmitteln, die eine Zeit dafür entwickelt. Auf der anderen Seite die Botschaft des Neuen Testaments, dass in Jesus dem Christus Gott selbst deutlich macht, was wahrhaftiges neues Leben ausmacht.

Schon in einem in seiner Marburger Zeit veröffentlichten Text über die Rechtfertigung des Zweiflers macht Tillich einen zentralen Gedanken seiner Theologie deutlich. Der christliche Glaube werde verfälscht, wenn er zum Wahrhalten-müssen unbegreiflicher Aussagen werde. Viele moderne Menschen haben Zweifel am Sinn überkommener religiöser Aussagen. Im Sinne der paulinischen-lutherischen Rechtfertigung des Gottlosen muss es in der Moderne darum gehen, eine Rechtfertigung des Zweiflers zu verkünden. Die Liebe Gottes erweist sich als Mut zum Leben auch bei Menschen, die mit intellektuellen Zweifeln an der Wahrheit des Gottesglaubens leben. (TD)

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