Orientierung

09.02.2017: „Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen.“

Nadia Bolz-Weber

„Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen“  Pastorin der Ausgestoßenen

Verlag: Brendow

Jahr: 2015

Seiten: 256

Sprache: Deutsch

ISBN: 978-3-86506-780-7

Preis 16,95 €

 

Was für ein Titel — Gott in den Dingen finden, die mich wütend machen. Wie soll das denn gehen, frage ich mich beim ersten Blick.

Was für ein Titelbild — Eine Frau in Pastorenkleidung mit großem Umhängekreuz und bunten Tattoos auf den Armen. Ungewohnt, irgendwie seltsam, irgendwie cool, denke ich.

Was für ein Buch — Nadia Bolz-Weber beschreibt in 19 teils knallig-ruppig betitelten Kapiteln (etwa „Eunuchen und Zwitter“, „Dämonen und Schneeengel“, „Bier und Choräle“) ihren Lebensweg und nimmt auch innerhalb der Kapitel kein Blatt vor den Mund. Ihre Sprache ist oft hart und rau, manchmal anstößig, teilweise vulgär und gleichzeitig sehr oft tiefgehend, voller Liebe und Fragen.

Vor allem aber sind Sprache und Inhalt eins: entwaffnend ehrlich.

Bolz-Weber beschreibt ihre Kindheit in einer fundamentalistischen Gemeinde, ihre Jugend als Drogenjunkie, ihren Alkoholismus und den schweren Weg des Entzugs, ihre Berufung auf einer Beerdigung und Episoden des Gemeindelebens als Pastorin der Gemeinde „Haus für alle Sünder und Heiligen“.

Sie beschönigt dabei nichts, bleibt aber nicht bei plakativen Beschreibungen stehen, sondern nimmt den Leser mit hinein in ihre eigenen Fragen, Zweifel, Egoismen, inneren Kämpfe und das ganze Ausmaß der Zerbrochenheit in ihrem Leben und dem ihrer Gemeindeglieder.

Genau in all diesem Leid, dieser Zerbrochenheit und dem Scheitern an sich selbst erlebt sie Gott als den, der da ist. Mitten in der Wut, besteht sie trotzig auf Gottes Gnade.

„Gott schaute nicht vom Himmel herab auf das Leben und den Tod Jesu, um ihn grausam leiden zu lassen. Gott schaute nicht herab aufs Kreuz. Gott hing am Kreuz. Gott hat sich ganz tief in unseren Schmerz, unseren Verlust und unseren Tod hineinbegeben, und er nahm all das in sich selbst auf, damit wir erkennen können, wer Gott wirklich ist. […] Gott ist nicht fern am Kreuz, und er ist nicht fern in der Trauer der plötzlich mutterlosen Kinder im Krankenhaus. Sondern Gott ist mittendrin, da, wo die Wimperntusche in Streifen übers Gesicht fließt, und es geht ihm damit genauso beschissen wie uns allen. Es gibt einfach keine für uns begreifliche Antwort auf die Frage, warum es Leid gibt. Aber es gibt Sinn.  (…) Wir wollen Antworten von Gott, aber manchmal bekommen wir stattdessen Gottes Gegenwart.“ (S. 123)

Nadia Bolz-Weber malt in leuchtenden Farben einen Glauben vor Augen, der auf die Gnade setzt und ganz an Jesus angedockt ist — und gleichzeitig um die eigene Fehlerhaftigkeit weiss.
Sie zeichnet aber auch das Bild ihrer eigenen Person, die durch viel Leid und Kampf zu Gott fand, Menschen, die Zerbruch erlebt haben, deswegen annehmen und lieben will und gleichzeitig weiss: Sie — als Person — wird Menschen enttäuschen. Gottes Gnade dagegen nie.

„Ich darf meinen Lebensunterhalt damit verdienen eine Person zu sein. Eine Person, die jeden Morgen an ihre schrullige kleine Gemeinde denkt und betet: Oh Gott, sie ist so wunderbar. Hilf mir, dass ich sie nicht versaue.“ (S. 253)

Die Geschichte von Nadia Bolz-Weber und ihre konzeptualisierte, lutherische Theologie fordern heraus, evtl. festgefahrene christliche Sichtweisen zu entlarven und neue Blickwinkel einzunehmen. Sie fordert zu Ehrlichkeit und einem tiefen Vertrauen auf die Gnade Gottes heraus.

Mich hat dieses Buch zum verlegenen Grinsen, Weinen, Ärgern und Staunen gebracht — und lässt mich mit der Frage zurück, wie wir als Gemeinden „Häuser für alle Sünder und Heiligen“ sein können — also für Drogenabhängige, Prostituierte, Hartz4-Empfänger, Nazis, uns und sonstige Kaputte.

 

Heiko Metz

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