Orientierung

01.09.2016: Mit Gott in der Stadt

Harald Sommerfeld

Mit Gott in der Stadt

Die Schönheit der urbanen Transformation         

Verlag: Francke

Jahr: 2016

Seiten: 682

Sprache: Deutsch

ISBN: 978-3-86827-579-7

29,95 € 

 

An einem beliebigen Abend an einem beliebigen Tag schlendere ich durch die Düsseldorfer Altstadt Richtung Rhein und beobachte Menschen. Etwas, was ich sehr gern tue. Einfach weil es so viele verschiedene unglaublich spannende Menschen gibt. An mir vorbei zieht eine dunkelhäutige Frau in einem bunten Gewand und hat sieben dunkelhäutige Kinder im Schlepptau, die um sie herumwuseln und dabei singen. Männer im Anzug und mit Aktenkoffer trinken stehend ein bis fünf Altbier, neben ihnen eine Gruppe asiatischer Touristen in kurzer Hose und so etwas wie Hawaihemden. Auf den Treppenstufen zur Kirche sitzen zwei Männer, die sich küssen, eine Kleinfamilie (Mama, Papa, Kind) kommt gerade vom Einkaufen, ein Straßenmusiker, der immer an derselben Stelle zu stehen scheint, grüßt die Vorbeigehenden. Mehrere Infostände mit Aktiven suchen die Aufmerksamkeit des Betrachters auf das Sterben des Regenwalds, die Seenotrettung und auf den Koran zu lenken. Eine Gruppe Studenten feiert lautstark irgendwas, mehrere Gruppen von Junggesellen­ und Junggesellinnenabschieden sind unterwegs, teils stark verkleidet, teils stark betrunken, teils mit lustigen Spielen, teils einfach nur peinlich. Plakate am Wegrand laden ein zum Orgelkonzert, der sozialistischen Jugend, einer Yoga­Klangmeditation, dem nächsten Kleiderflohmarkt, einem Rockkonzert – einige werben für ökologisches Einkaufen, gegen Drogenmissbrauch, für Altbier als Düsseldorfer Kulturgut, das indische Restaurant, den irischen Pub …. Wegweiser zeigen die allesamt kurzen Weg zum Kino, Theater, dem Kiosk mit dem billigen Bier, dem VierSterneHotel, dem 1EuroLaden, dem BioLaden, dem Designerlabelladen. Menschen mit und ohne Kopftuch, in Anzügen und Jogginganzügen, verschiedenste Hautfarben, Sprachen und und und …

Ein beliebiger Abend an einem beliebigen Tag in Düsseldorf – und in jeder anderen deutschen Stadt.

 

Harald Sommerfeld stolpert darüber, „wie irrelevant die meisten Gemeinden, die ich kannte, für ihre Städte waren. Sie waren wertvolle Orte der Zugehörigkeit und des gemeinsamen Glaubens für die, die ihnen angehörten. Ihr Umfeld hätte allerdings kaum etwas vermisst, wenn sie nicht da gewesen wären (…) Wenn Jesus der ist, als der er uns in der Bibel begegnet, dann muss er überall und zu allen Zeiten für Menschen und Städte von Bedeutung sein. Wir müssen nur für unsere Zeit und unsere Wohnorte neu herausfinden, wie seine Relevanz sichtbar wird.“ S. 15

 

Städte werden immer bedeutender als Lebens- und Wirtschaftsraum, allerorts wächst ihre Bevölkerung und geografische Ausdehnung. Gleichzeitig scheint es Gemeinden schwer zu fallen, in städtischer Umgebung Strahlkraft zu entwickeln. Nun könnte man viele plausible Gründe dafür anführen, wie die Anonymität und Pluralität der Stadt. Fragmentierung und Multireligiosität, allzeit geschäftige und gestresste Menschen und und und.

Harald Sommerfeld zeichnet mit seinem Buch ein Bild von Städten als einem spannenden Wirkungsort Gottes. Einem Ort, an dem man sich Gott anschließen und dann Transformation, Mission, Glaube und Gemeinschaft erleben und mit ins Leben bringen kann. Dies beschreibt er in seinem fast 700 Seiten starken Buch. D.h. eigentlich erzählt er eher. Von Kulturen, Orten, Lebenswelten und Räumen. Von Gesellschaft, Identität und Geschichte. Von Einzelfällen, Selbst-Erlebtem und einer offenen, hinschauenden, hinhörenden, lernenden Grundhaltung.

 

Dabei entsteht ein missiologischer Ansatz für den urbanen Kontext, der sich aus wissenschaftlicher Expertise (Soziologie und Theologie), wie persönlicher Erfahrung eigener langjähriger Aktivitäten in Berlin und deutschlandweit als Gemeindeberater, speist und dabei die Liebe zur Stadt und ihren Menschen deutlich werden lässt, sowie die gewisse Hoffnung darauf und (vor)Freude darüber, dass Gott in der Stadt wirkt und Christen und Gemeinden sich daran beteiligen dürfen.

 

Gegliedert ist das Buch grob in zwei Teile:

Sehhilfe - Das eigene Umfeld wirklich wahrnehmen und städtische Systeme verstehen (Stadtsoziologie)

Gehhilfe - praktisch theologische Fragen und Antworten urbaner Mission mit konkreten Perspektiven von christlich motivierter Stadt(teil)arbeit, die eine positive Veränderung zum Ziel hat.

Die Kapitel sind allesamt mit einer Zusammenfassung versehen, es gibt weiterführende Fragen und Lesehinweise.

Grafiken und Bilder lockern den Text auf und tragen dazu bei, das Buch als solches als „schön“ wahrgenommen wird.

 

Dieses Buch hat das Zeug zu einem Handbuch, das zum Standardwerk avancieren könnte. Gleichzeitig ist es nicht trocken, abgehoben o.ä., sondern steckt selbst voller Leben, Liebe und Motivation. Nicht zuletzt die sympathisch-offene erzählende Art Harald Sommerfelds, macht das Lesen trotz inhaltlicher Schwere zu einem Genuss.

 

Heiko Metz (Mitarbeiter an der EH Tabor)

 

 

 

 

 

 

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