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Tagungsbericht des Symposiums 2009 - "Was ist neu am Pietismus?"

Tagungsbericht des Symposiums vom 25.-26.09.2009

Das erste theologische Symposium der Forschungsstelle Neupietismus am 25. und 26. September 2009 war ein voller Erfolg. Zum ersten Mal wurde hiermit in Tabor die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Neupietismus bewusst in den Mittelpunkt gerückt.

Dabei wurden unter anderem gegensätzliche Anschauungen zur Beurteilung des Neupietismus vertreten. Der Initiator des Symposiums, Frank Lüdke, verglich den Pietismus mit einem gedeckten Apfelkuchen. Der „Barockpietismus“ habe im 17./18. Jahrhundert den Teig angerührt, indem er das persönliche und gemeinschaftliche Bibelstudium von entschiedenen Gläubigen eingeführt habe. Anfang des
19. Jahrhunderts sei der Teig mit Äpfeln belegt worden, als die pietistischen Gläubigen große Aktivitäten in der Weltmission und Diakonie entfalteten. Schließlich seien ab 1875 in der Gemeinschaftsbewegung spezielle Streusel hinzugekommen, indem man die Heiligung der Gläubigen betonte und evangelistische Großveranstaltungen einführte. Der Leipziger Theologieprofessor Peter Zimmerling widersprach diesem Bild, das den Anschein erwecke, als sei der heutige Neupietismus eine Verbesserung der ursprünglichen Ansätze. Zimmerling stellte dagegen die These auf, dass viele guten Ansätze aus dem ursprünglichen Pietismus im Laufe der Zeit verloren gegangen seien, wie etwa die gesellschaftliche Relevanz und eine fruchtbare Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist.

Im Rahmen der Analyse des Gemeindeverständnisses der deutschen Gemeinschaftsbewegung arbeitete Tobias Sarx, Akademischer Rat an der Philipps-Universität Marburg , das komplizierte Selbstverständnis des Neupietismus nach als einer Bewegung, die zwar bewusst in der Kirche bleiben wolle, wo möglich auch mit ihr zusammen arbeiten, aber sich dennoch nicht den Weisungen der Kirche unterstellen wolle. Der kurhessische Pfarrer Martin Abraham (Bruchköbel bei Hanau) sprach sich für die Gründung von Gemeinden durch Landeskirchliche Gemeinschaften aus — als Teil der Landeskirche. Sie könne längst nicht „alles abdecken“. Die Volkskirche beinhalte allein wegen ihrer Struktur immer auch eine missionarische Aufgabe, weil viele Menschen sich zwar kulturell der Kirche zugehörig fühlten, aber dem Glauben fern ständen. Barrieren und Hindernisse zwischen Gemeinschaft und Kirche müssten zurücktreten angesichts der Notwendigkeit, „den Menschen einer entchristlichten Gesellschaft das Evangelium zu bringen“. Wie Abraham ferner sagte, verstehe sich der Pietismus als Bibelbewegung. Doch er müsse sich stärker als bisher auch auf die Geschichtlichkeit der Bibel einlassen und dürfe nicht einzelne Bibelstellen „wie als Steinbruch“ zur Untermauerung der eigenen Anschauungen benutzen: „Wer die Bibel richtig verstehen will, darf nicht nur die Bibel lesen.“ Vielmehr gelte es, sich auf die Welt mit ihrem Denken einzulassen, um der Bibel gerecht zu werden und sie richtig zu verstehen.

Der in Tabor tätige Dozent für systematische Theologie Thorsten Dietz bedauerte in seinem Vortrag, dass der Neupietismus sich in seinem theologischen Nachdenken größtenteils aus der akademischen Diskussion zurückgezogen habe. Er verwies darauf, dass es dennoch mit Adolf Schlatter (1852-1938) und Karl Heim (1874-1958) zwei bedeutende pietistische Theologen im 20. Jahrhundert gegeben habe, deren Erbe noch nicht wirklich fruchtbar gemacht worden ist. Selbst eine Beschäftigung mit dem Marburger Theologen Rudolf Otto (1869-1937) könne aus pietistischer Sicht bis heute wertvolle Impulse liefern.

Professor Jochen-Christoph Kaiser, Kirchengeschichtler von der Philipps-Universität Marburg , zeigte auf, dass die im 19. Jahrhundert begonnenen diakonischen Aktivitäten der Inneren Mission nicht nur vom Pietismus getragen wurden, wie mitunter in pietistischen Kreisen behauptet wird. Vielmehr habe es auch in der aufgeklärten Gesellschaft ein Bewusstsein dafür gegeben, den Benachteiligten zu helfen. Der Direktor des Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverbands, Joachim Drechsel, verwies darauf, dass es heute in der Diakonie zu einer spannenden Zusammenarbeit von missionarisch orientierten Neupietisten mit säkular geprägten Mitarbeitern komme. Daraus ergäben sich missionarische Möglichkeiten unter den Mitarbeitern.

Als letztes Themenfeld wurde auf dem Symposium das Verhältnis des Neupietismus zur Äußeren Mission analysiert. Judith Becker vom Institut für Europäische Geschichte in Mainz arbeitete anhand von Bewerbungsschreiben pietistischer Missionare aus dem 19.Jahrhundert heraus, aus welcher Motivation sie ihre Aufgabe wahrnahmen. Interessant war dabei die z.B. Feststellung, dass sich englische Missionare viel häufiger als Deutsche darauf beriefen, dass sie ihren Missionsdienst zur Ehre Gottes ausführen wollen, was wohl an der starken calvinistischen Tradition im angelsächsischen Raum liegt. Norbert Schmidt, Rektor der Evangelischen Hochschule Tabor, machte abschließend deutlich, dass Missionsarbeit im 21.Jahrhundert sich strukturell flexibilisieren muss. Das alte Standardmodell der sendenden Missionsgesellschaft müsse flankiert werden durch neuartige Netzwerke mit flachen Hierarchien, um schnell und spezifisch auf die Herausforderungen der Gegenwart zu reagieren. Der neue Gnadauer Präses, Michael Diener, nahm an dem über 60 Teilnehmer aus ganz Deutschland zählenden Symposium teil und hielt eine Morgenandacht.

Die Referate dieses Symposiums wurden als Band 1 der Schriften der Evangelischen Hochschule Tabor (SEHT) im LIT-Verlag veröffentlicht. Dieser Tagungsband ist über den Shop zum Preis von 19,90 Euro erhältlich.

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