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Tagungsbericht des Symposiums 2011 - Die neue Welt und der neue Pietismus

Tagungsbericht des Symposiums vom 23.-24.09.2011

„Die neue Welt und der neue Pietismus“, unter diesem Thema fand am 23.-24.9.2011 an der Evangelischen Hochschule Tabor das zweite Theologische Symposium der Forschungsstelle Neupietismus statt und beschäftigte sich mit den angloamerikanischen Einflüssen auf den deutschen Neupietismus.
Die deutsche Gemeinschaftsbewegung ist ebenso wie die meisten Freikirchen stark von Impulsen aus England und den USA geprägt. Insbesondere gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es einen starken Schub von  angloamerikanischen Ideen sowohl struktureller als auch theologischer Art, die den Neupietismus belebten und ihm eine ganz eigene Charakteristik gaben. Immer wieder wechselten sich seitdem Phasen der offenen Anbiederung mit Zeiten der kritischen Distanz ab. Das Symposium wollte in dieses bisher kaum beachtete Forschungsfeld einige Schneisen schlagen und damit zu weiteren Untersuchungen anregen.

Zur Grundorientierung bot Prof. Dr. Frank Lüdke (Ev. Hochschule Tabor) dabei im Rahmen eines öffentlichen Vortrags mit dem Titel „Von Bonifatius bis Willow-Creek“ eine überblicksartige Gesamtschau der angloamerikanischen Einflüsse auf das Christentum in Deutschland, die von den Anfängen des Mittelalters bis heute reichen. Anschließend konzentrierten sich die Beiträge auf die Entwicklungen im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Nachdem Prof. Wilhelm Ernst Winterhager (Fachbereich Geschichte an der Philipps-Universität Marburg) den zeitgeschichtlichen Hintergrund der Beziehungen zwischen den USA, England und Deutschland um 1900 verdeutlicht hatte, wurden zunächst einige deutsche Protagonisten in den Blick genommen.

Dr. Thomas Hahn-Bruckart (Mainz) machte deutlich, welche Schlüsselrolle der deutsch-amerikanische Evangelist Friedrich von Schlümbach für die Entstehung, Organisation und inhaltliche Prägung der aufkommenden Gemeinschaftsbewegung hatte. Er zeigte auf, dass schon in der Person Schlümbachs die ekklesiologische Schwierigkeit des Neupietismus, sich zwischen Volkskirchlichkeit und Freikirchlichkeit zu positionieren, vorgezeichnet wurde. Dabei wurde auch klar, dass es unerlässlich ist, bei den betreffenden historischen Abläufen den Kontext der deutschsprachigen Amerikaner in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu beachten.

Dr. Hans-Martin Thimme (Münster) vertiefte dies am Beispiel des nach Amerika ausgewanderten deutschen Pfarrers August Rauschenbusch (des Vaters von Walter Rauschenbusch, dem später bekanntesten Vertreter des Social Gospel). An Rauschenbusch wurde beispielhaft eine deutsch-amerikanische Verknüpfung deutlich, die für das 19. Jahrhundert charakteristisch war: Landeskirchliche Christen aus Deutschland gingen zu Tausenden in die USA, um dort unter Wahrung ihrer deutschen Sprache und Kultur ihren Glauben zu praktizieren. Dabei kam es zu neuen Organisationsformen freikirchlicher Art, die sich häufig mit theologischen Ansichten aus dem Umfeld der Heiligungsbewegung verbanden. Diese neu verschmolzenen Prägungen gelangten dann durch Rückwanderer wieder nach Deutschland.

Dr. Ekkehard Hirschfeld (Dettingen) beleuchtete solch eine Biographie anhand von Ernst Ferdinand Ströter, der sich ebenfalls zwischen Deutschland und den USA bewegt hat und zu einer prägenden Figur der deutschen Heiligungsbewegung wurde. An ihm wurde deutlich inwiefern das große Interesse der Gemeinschaftsbewegung an der Stellung Israels und an eschatologischen Fragen mit der Heiligungstheologie zusammenhing. Ströter selbst kann maßgeblich dafür verantwortlich gemacht werden, dass die darbystische Spielart des dispensationalistischen Prämillenniarismus von weiten Teilen des Neupietismus übernommen wurde.

Damit berührte sich dann auch der nächste Beitrag von Nicholas Railton, (University of Ulster in Coleraine/Nordirland) der mit der Londoner Mildmay-Konferenz und den englischen judenmissionarischen Aktivitäten einen bisher im deutschen Sprachraum kaum beachteten Strang der deutsch-englischen Verbindungen untersuchte. Er arbeitete heraus, inwiefern gerade die Themen Judenmission und Eschatologie zunächst ein entscheidendes Band zwischen deutschen und englischen Christen bildeten, was dann aber im Vorfeld des 1.Weltkriegs und der Weimarer Republik immer problematischer wurde.

Karl Heinz Voigt (Bremen) lenkte den Blick darauf, dass die deutsche Heiligungsbewegung konfessionsgeschichtlich gesehen stark vom angelsächsischen Methodismus geprägt worden ist. Er stellte dar, wie die Gemeinschaftsbewegung als eine innerkirchliche Art von Methodismus organisiert worden ist, um eine weitere Abwanderung von Kirchenmitgliedern zu methodistischen Freikirchen zu verhindern. Obwohl viele leitende Persönlichkeiten der Heiligungsbewegung gar keine Mitglieder einer Methodisten-Kirche waren, wurden sie dennoch als „methodistisch“ im Sinne einer theologischen und frömmigkeitspraktischen Prägung wahrgenommen.

Dies galt ganz besonders auch in Bezug auf Robert Pearsall Smith, der von Markus Krause (Königsbrunn) speziell in den Blick genommen wird. Durch Smiths Konferenzen in Oxford und Brighton sowie seine sogenannte „Triumphreise“ durch Deutschland im Frühjahr 1875 wurde die deutsche Heiligungsbewegung entscheidend in Gang gesetzt. Krause machte deutlich, wie Smith trotz des tragischen und schnellen Endes seiner öffentlichen Wirksamkeit zu einem Impulsgeber für die entstehende Gemeinschaftsbewegung werden konnte.

Wolfgang Reinhardt stellte in seinem Beitrag dann die spezielle Prägung der Erweckung von Wales in den Jahren 1904/05 dar, und zeigte, welche Aspekte davon sich in Deutschland auswirkten und das geistliche Klima im Vorfeld der aufkommenden Pfingstbewegung prägten. Es wurde damit deutlich, dass sich bis in die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts vielfältige Verknüpfungen zwischen der angloamerikanischen Christenheit und dem deutschen Neupietismus darstellen lassen. Umso interessanter war es, dass Sven Brenner im nächsten Beitrag darauf hinwies, dass die weitläufige Annahme, die deutsche Pfingstbewegung sei direkt und vor allem aus amerikanischen Wurzeln herausgewachsen, nicht zu halten ist. Vielmehr scheint gerade sie sich besonders auf die deutsche Identität besonnen zu haben, und es kam erst nach dem 2.Weltkrieg zu einer verstärkten Einflussnahme aus den USA auf deutsche Pfingstkirchen.

Was sich bis hierhin schon vielfältig angedeutet hatte, konzentrierte sich schließlich im Beitrag von Prof. Dr. Thorsten Dietz (Ev. Hochschule Tabor). Er analysierte die bisher kaum aufgearbeitete Theologie von Theodor Jellinghaus, des führenden Theologen der deutschen Heiligungsbewegung. Dabei wurd zunächst das spannende Zusammenspiel von deutsch-lutherischen und angloamerikanischen Einflüssen im Zentrum der Theologie der Gemeinschaftsbewegung nachgezeichnet. Gerade bei Jellinghaus, der sich am Ende seines Lebens dazu gedrängt fühlte, seine gesamte Theologie zu widerrufen, wurde deutlich, dass auch die damalige Zeitsituation der zunehmenden Distanzierung Deutschlands von der angelsächsischen Welt im Vorfeld des 1. Weltkriegs und damit zusammenhängend die Verwerfungen um die aufkommende Pfingstbewegung entscheidend für einen tiefgreifenden Wandel im Verhältnis der deutschen Gemeinschaftsbewegung zum angloamerikanischen Christentum geworden sind.

Es hat sich durch die Forschungsergebnisse des Marburger Symposiums somit herauskristallisiert, dass es im Laufe des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts zu einer bedeutsamen Wende gekommen ist. Während sich vorher vielfältige Verbindungen und massive Einflüsse aus Großbritannien und den USA auf den deutschen Neupietismus nachweisen lassen, nahm dies spätestens ab 1910 signifikant ab und wurde erst nach 1945 wieder neu belebt. Der zeitgeschichtliche Hintergrund des bewussten Abrückens Deutschlands vom angloamerikanischen Kulturraum in dieser Phase bildete sich also auch im pietistischen Spektrum der evangelischen Christenheit in Deutschland ab, obwohl gerade hier vorher starke Sympathien und vielfältige persönliche und organisatorische Verbindungen bestanden hatten.

Die Referate dieser Tagung wurden als Band 3 der Schriften der Evangelischen Hochschule Tabor (SEHT) im LIT-Verlag veröffentlicht. Dieser Tagungsband ist über den Shop zum Preis von 19,90 Euro erhältlich.

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