Orientierung

  • Neues Erforschen
  • Altes Wiederentdecken

Tagungsbericht des Symposiums 2013 - Evangelium und Erfahrung

Tagungsbericht des Symposiums vom 15.-16.03.2013

125 Jahre Gemeinschaftsbewegung

3. Theologisches Symposium der Forschungsstelle Neupietismus an der Evangelischen Hochschule TABOR in Marburg vom 15.-16.3.2013

Im Mai 1888 fand in Gnadau bei Magdeburg die erste Gnadauer Pfingstkonferenz statt. Sie bildete den Beginn der organisierten Gemeinschaftsbewegung in der Evangelischen Kirche, der sich bis heute ca. 200-300.000 evangelische Christinnen und Christen zugehörig fühlen. Zum 125-jährigen Bestehen der Bewegung veranstaltete der Evangelische Gnadauer Gemeinschaftsverband zusammen mit der Forschungsstelle Neupietismus der Evangelischen Hochschule TABOR in Marburg eine Forschungstagung unter dem Thema „Evangelium und Erfahrung“, in der die Geschichte und die Zukunftsperspektiven der Gnadauer Gemeinschaftsbewegung reflektiert wurden.

Zur Orientierung führte Prof. Dr. Frank Lüdke (Ev. Hochschule Tabor) zunächst in die Thematik ein, indem er deutlich machte, dass das Zusammenspiel einer Orientierung am Evangelium und der Betonung der Erfahrungsdimension des Glaubens schon im 17. Jh. von Beginn an für den Pietismus konstitutiv war. Besondere Bedeutung hatte dabei das Element der Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig von der Bibel inspiriert zu einem erfahrungsbetonten Glauben anregte. Im 19.Jh. kam die evangelistische Dimension dazu, indem man die Erfahrung eines lebendigen Glaubens nun auch entkirchlichten Menschen wieder nahebringen wollte. Gerade dieser Impuls der Evangelisation wurde zu einem wichtigen Motor bei der Gründung des Gnadauer Verbands.

Als erste Annäherung an die Spiritualität des Neupietismus referierte Prof. Martin Jung (Osnabrück) über Wilhelmine Canz (1815-1901), die Gründerin einer Ausbildungsstätte für Kleinkinderpflegerinnen im württembergischen Großheppach. Sie gehörte zwar nicht zum Gnadauer Verband, aber ihre Spiritualität hatte doch manche Parallelen zur Gemeinschaftsbewegung. In einer Frömmigkeitsstudie zeigte Jung auf, wie Wilhelmine Canz die Erfahrung des lebendigen Gottes darin sah, dass sie die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine als direktes Reden Gottes in ihre Tagessituation interpretierte. Diese Glaubenserfahrung diente ihr als lebendiger Gottesbeweis in einer Zeit, die durch wachsenden Atheismus herausgefordert wurde.

Zur Erhellung der Traditionsgeschichte stellte Dr. Klaus vom Orde (Halle) die Frage, wie „pietistisch“ die Gemeinschaftsbewegung eigentlich ist? Er arbeitete dabei heraus, dass Rektor Christian Dietrich (1844-1919) in der allerersten Beschreibung der Gnadauer Bewegung um 1903 eher eine Nähe zum radikalen Pietismus als zur Theologie Philipp Jakob Speners konstatiert. Dieser hatte z.B. eine Taufwiedergeburtslehre und eine deutliche Bindung an das kirchliche Amt vertreten. Im Unterschied dazu kamen in der Gemeinschaftsbewegung verstärkt voluntaristisch-subjektive Elemente zum Vorschein, was unter anderem durch Einflüsse der angloamerikanischen Heiligungsbewegung zu erklären sein könnte.

Diese These wurde durch den Vortrag von Prof. Thorsten Dietz (Marburg) vertieft, der eine theologische Analyse vorlegte, wie sich Glaubensgewissheit und Glaubenserfahrung bei einflussreichen Theologen der Gnadauer Gründerzeit zueinander verhielten. Er machte deutlich, dass die objektive lutherische Heilsgewissheit im Glauben an Jesus Christus in der Gemeinschaftsbewegung immer mehr in den Bereich des Subjektiven verschoben wurde. Theodor Christlieb (1833-1889) setzte sich noch mit zeitgenössischen Zweifeln moderner Religionskritik auseinander, um die Wahrheit des Glaubens auch in vernünftiger Apologetik zu bewähren; Theodor Jellinghaus (1841-1913) hingegen konzentrierte sich allein auf die innere Erfahrungsgewissheit des Glaubens. Diese Gewissheit, so wurde postuliert, sei nur durch ständige Erneuerung der Hingabe an Gott zu erhalten. Das führte schließlich zu einer permanenten Selbstreflexion. Erst Karl Heim (1874-1958) versuchte das Erweckungschristentum aus dieser Engführung wieder zu befreien.

In Bezug auf die für die Gemeinschaftsbewegung zentrale Frage der Ekklesiologie vertrat Prof. Hartmut Lehmann (Kiel) die These, dass die klare innerkirchliche Positionierung des Gnadauer Verbandes bei seiner Gründung möglicherweise auch weitreichende politische Konsequenzen hatte. Durch die bewusst festgehaltene Nähe zu den evangelischen Landeskirchen wurde die Chance verspielt, die guten Beziehungen mit den angloamerikanischen Freikirchen auszubauen und damit vielleicht besser geschützt zu sein gegenüber dem anwachsenden Nationalismus im Vorfeld des 1.Weltkriegs. Lehmann fragte: was hätte es in den Entwicklungen des Jahres 1914 bedeuten können, wenn eine „weltweite Internationale der wiedergeborenen Christen“ eng zusammengearbeitet und erklärt hätte: „Wir werden nicht auf unsere Brüder und Schwestern auf der anderen Seite schießen“? Ob dies tatsächlich eine real vorstellbare Möglichkeit gewesen wäre, müssten weitere Untersuchungen erweisen.

In Hinsicht der missionarischen Akzentuierung der Gemeinschaftsbewegung machte Prof. Bernd Brandl (Bad Liebenzell) deutlich, in welcher Weise gerade Missionsgesellschaften in der Gründungsphase des Gnadauer Verbands eine wichtige Rolle gespielt haben. Nachdem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das missionarische Bewusstsein der erweckten Kreise vor allem auf die Heidenmission im Ausland blickte, geriet in der zweiten Hälfte die Heimat als Missionsgebiet immer mehr in den Fokus. Vor allem durch Theodor Christlieb (1833-1889) und die Impulse der China-Inland-Mission wurde das Anliegen der Evangelisation nach Deutschland getragen. Dadurch, dass die evangelistische Arbeit aber bewusst im Raum der Landeskirchen gehalten wurde, kam es im Unterschied zu den Missionsländern zu keinen neuen Kirchenbildungen durch die Gnadauer Evangelisationen.

Prof. Ruth Albrecht (Hamburg) zeigte dann anhand eine lokalen Fallstudie auf, wie die Evangelisationspraxis in Hamburg gegen Ende des 19. Jahrhunderts konkret aussah. Dort kamen konservativ-kirchlich geprägte Christen und Gemeinschaftsleute zu der gemeinsamen Situationsanalyse, dass es dringend erforderlich sei, sich evangelistisch um die entkirchlichten Massen zu bemühen. Auch ihre Arbeitsmethoden ähnelten sich, so gab es z.B. Frühstückstreffen oder Teeabende. Teilweise kooperierte man auch gut miteinander. Spannend war nur die Frage der letzten Zielsetzung der evangelistischen Arbeit. Während die landeskirchliche Evangelisation die Menschen wieder zurück an die Kirche binden wollte, ging es den Gemeinschaftsleuten hauptsächlich darum, dass Menschen zurück zum Glauben finden.

Die Untersuchung der Nachkriegszeit des Neupietismus steht noch ganz am Anfang. Von daher war es sehr erhellend, dass Dr. Jan Carsten Schnurr (Gießen) die Zeitkritik der pietistischen Ludwig-Hofacker-Konferenzen in Württemberg von 1956-1989 analysierte. Er machte dabei deutlich, dass auf solchen Groß-Konferenzen mit bis zu 20.000 Besuchern die Betrachtung des Zeitgeschehens oftmals nur als Sprungbrett für die Vermittlung von geistlichen Inhalten genutzt wurde. Eine echte Auseinandersetzung mit Zeitereignissen fand weniger statt, sondern sie wurden manchmal nur als Hintergrundfolie gebraucht um entweder moralische Gegenakzente zu setzen oder missionarische Impulse zu formulieren.

In einem öffentlichen Abendvortrag sprach der Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbands Dr. Michael Diener (Kassel) schließlich über die aktuelle Positionierung der Gemeinschaftsbewegung. Er plädierte dafür, den weithin verzerrt wahrgenommenen Begriff „evangelikal“ für die Gnadauer Bewegung nicht aufzugeben, sondern immer wieder neu im Sinne des Pietismus zu füllen. Als „intensiv evangelische“ Christen sollte sich die Gemeinschaftsbewegung mit ihren Stärken der Beziehungsorientierung, Beweglichkeit, der liebevollen Einladung zum Glauben und der diakonischen Spiritualität in die Gesellschaft einbringen.

Insgesamt hat sich durch die Forschungsergebnisse dieses Marburger Symposiums herauskristallisiert, dass das Ringen der Gemeinschaftsbewegung über die richtige Zuordnung von Evangelium und Erfahrung im Laufe ihrer 125-jährigen Geschichte durch manche Veränderungen gegangen ist. Darin spiegelt sich das Ringen um die eigene Identität, das bis heute nicht abgeschlossen ist, was dem Gnadauer Verband letztlich die nötige Beweglichkeit erhalten hat, um auch in der Postmoderne wichtige Akzente zu setzen.

Die Vorträge der Tagung wurden als Band 4 der Schriften der Evangelischen Hochschule Tabor (SEHT) veröffentlicht, der über unseren Shop zum Preis von 19,90 € erhältlich ist.

Top