Orientierung

Tagungsbericht des Symposiums 2017: Evangelisation als mediale Inszenierung des Evangeliums

Tagungsbericht des Symposiums vom 03.-04.02.2017

„… dann komm jetzt nach vorne!“
Evangelisation als mediale Inszenierung des Evangeliums

 

5. Theologisches Symposium der Forschungsstelle Neupietismus an der Evangelischen Hochschule
TABOR in Marburg vom 03.-04.02.2017

Seit fast 200 Jahren gelten sogenannte „Evangelisationen“ als markante Kennzeichen erwecklicher und evangelikaler Bewegungen. In Großveranstaltungen, die meist außerhalb kirchlicher Gebäude stattfinden, werden glaubensinteressierte Menschen mit Kerninhalten der christlichen Lehre vertraut gemacht und zu einer persönlichen Reaktion herausgefordert. Dabei wurden im Laufe der Zeit vielfältige kreative Methoden entwickelt, um diese Werbung für den christlichen Glauben möglichst attraktiv zu gestalten: von musikalischen Umrahmungen über szenische Darstellungen bis hin zu multimedialen Präsentationen mit modernster Technik. Im Zentrum steht dabei vielfach die Inszenierung des sogenannten „Altar Call“, der Aufforderung an die Zuhörer, die Hingabe an Jesus Christus dadurch zu dokumentieren, dass man aufsteht und nach vorne zum Altar bzw. zur Bühne kommt. Im 21. Jahrhundert allerdings scheinen solche Massenevangelisationen, zumindest im europäischen Kontext, immer mehr an Attraktivität zu verlieren.

Auf dem 5. Neupietismus-Symposium wurden deshalb verschiedene historische Facetten der Evangelisationsbewegung analysiert, um über ihre Relevanz für die Postmoderne und die zeitgemäße Transformation ihrer Formen zu diskutieren.

Zur Orientierung beschäftigte sich der Vortrag von Prof. Frank Lüdke (Marburg) zunächst mit der Frage „Passen Evangelisationen nach Deutschland?“ Er ging dabei von der Entstehungsgeschichte der neuzeitlichen Form der Massenevangelisation im englischen Methodismus des 18. Jahrhunderts aus. Anschließend wurde dargestellt, wie der Amerikaner Charles Finney dies um 1830 mit den stilbildenden Elementen der über mehrere Wochen allabendlich stattfindenden Evangelisationskampagnen, dem Aufruf nach vorne zu kommen und den Nachversammlungen mit der Hinführung zu einem persönlichen Entscheidungsgebet inszeniert hat. Auf Initiative von Theodor Christlieb (1833-1889) und durch den Einsatz des Deutsch-Amerikaners Friedrich von Schlümbach (1842-1901) wurde dieses Modell dann in der 1880er Jahren nach Deutschland importiert, wo es bis heute vielfach praktiziert, aber auch von kritischen Anfragen begleitet wird.

Im zweiten Vortrag stellte Kirchenrat Werner Schmückle (Stuttgart) dar, wie Elias Schrenk (1831-1913) als „Bahnbrecher“ ab 1886 die Evangelisation in Deutschland eingeführt hat. Bei einem Englandaufenthalt 1874/75 hatte er die Evangelisation Moodys und die von ihm praktizierten „Inszenierungen einer Antwort“, die Nachversammlungen, kennengelernt. Schrenk war vom Wert dieser Nachversammlungen lebenslang überzeugt, hat sie aber auf Grund der kritischen Haltung der kirchlichen Öffentlichkeit und wegen des Mangels an geeigneten Mitarbeitern in Deutschland kaum praktiziert. Durchgängiges Element der Evangelisationen Schrenks war das Angebot von Sprechstunden, in denen Schuld bekannt und die Vergebung persönlich zugesprochen wurde. Ziel dieser Einzelseelsorge war es, den Menschen zum Ergreifen der Gnade, zum Frieden mit Gott und zur Heilsgewissheit zu helfen.

Dr. Joachim Schnürle (Gunzenhausen) ordnete dies dann zunächst in eine deutschsprachige Vorgeschichte der Evangelisation ein. Die Evangelisation von kirchenfernen Menschen durch das Evangelium war nämlich im deutschsprachigen Raum auf protestantischer Seite schon seit dem Pietismus immer wieder im Blick einzelner Prediger gewesen. 1840 wurde mit der Gründung der Pilgermission St. Chrischona durch Christian Friedrich Spittler (1782-1867) erstmals ein systematischer Plan in dieser Richtung verwirklicht. Das von Theodor Christlieb initiierte Programm der Evangelisation von entkirchlichten Menschen führte dann in den 1880er Jahren zur Gründung des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes. In der Folge traten erste Berufsevangelisten wie Elias Schrenk auf, die sich ganz der Evangelisation als Ergänzung der Gemeindestrukturen widmeten. Zu diesen Evangelisten gehörte auch der Siegerländer Ludwig Henrichs (1871-1931), der nach seiner Ausbildung in St. Chrischona als einer der ersten Evangelisten der Deutschen Zeltmission seine Tätigkeit begann und sich in seiner weiteren Entwicklung der innerkirchlichen Volksmission zuwendete. In dieser Wandlung vom freien Evangelisten zum kirchlichen Evangelisten hat er einen markanten Weg zurückgelegt in der Arbeit an den entkirchlichten Menschen des deutschsprachigen Raumes.

Pfr. Dr. Wolfgang Becker (Nümbrecht) lenkte den Fokus dann auf den Essener Jugendpfarrer und Evangelisten Wilhelm Busch (1896-1966), der eine der prägendsten Gestalten der Evangelisationsbewegung im 20. Jahrhundert gewesen sein dürfte. Aufgewachsen in einem pietistisch-erwecklichen Pfarrhaus wurde er neben seinem Großstadt- und später Jugendpfarramt bereits in den späten 1920er Jahren zu Veranstaltungsevangelisationen gerufen, auf denen er auch im Ruhestand bis zu seinem Tod zur Bekehrung zu Jesus Christus und zum Leben im Glauben an ihn einlud. Dabei verzichtete Busch auf ein Umkehrritual, weil er darin seit den politischen Massenversammlungen der 1930er Jahre keinen Freiraum mehr für eine persönliche Glaubensentscheidung sah. Stattdessen enthielt seine evangelistische Predigt anschauliche Beispiele für Schritte der Bekehrung, die seine Hörer im Anschluss an die Veranstaltung individuell gehen konnten.

Dr. Jan Carsten Schnurr (Gießen) behandelte in seinem Vortrag den Internationalen Kongress für Weltevangelisation 1974 in Lausanne, dem man für die weltweite Entwicklung von Mission und Evangelisation historische Bedeutung zusprechen kann. Von Billy Graham initiiert, bot der Kongress erstmals führenden Vertretern der jungen evangelikalen Kirchen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas Gelegenheit, ihre Stimme deutlich in den weltweiten christlichen Diskurs einzubringen. Zudem gelang es den führenden Theologen des Kongresses (wie dem Engländer John Stott), das durch zeitgenössische Entwicklungen in der Genfer Ökumene kontroverse Verhältnis von Wortverkündigung und sozialer Verantwortung, aber auch zeitgenössische Prioritäten und die Bedeutung kultureller Fragen in der Mission so zu bestimmen, das mit der (dann nachhaltig wirksamen) „Lausanner Verpflichtung“ ein evangelikaler Konsens formuliert werden konnte.

Prof. Ulrike Treusch (Gießen) beschäftigte sich in Ihrem Vortrag dann mit der heute in Deutschland populärsten Form der Großevangelisation, nämlich den seit 1993 stattfindenden ProChrist-Evangelisationen, die zwar auf der einen Seite konzeptionell die modernen Kommunikationsmittel zur Verbreitung des Evangeliums nutzen, aber zugleich zugleich selbst Teil einer medialen Rezeption sind. Exemplarisch stellte die Referentin dafür die Rezeption von ProChrist 1993 und 1995 in drei überregionalen Printmedien (FAZ, ZEIT, Der Spiegel) vor, und zog, davon ausgehend, Linien der Rezeption bis in die Gegenwart. Sie fragte dabei unter kommunikationswissenschaftlichen Gesichtspunkten nach dem ‚Nachrichtenwert‘ der ProChrist-Evangelisationen. Ein Aspekt, der in allen Zeitungsartikeln angesprochen wurde und damit offensichtlich Nachrichtenwert hatte, war – dem Tagungsthema entsprechend – der „Ruf nach vorne“.

Prof. Thorsten Dietz (Marburg) machte in seinem Referat „Evangelisation im Wandel der Massenmedien“ einige systematisch-kontextuelle Anmerkungen zur gegenwärtigen Situation. Er schlug dabei einen Bogen vom Evangelisationskonzept Otto Rieckers (1896-1989) über ProChrist und aktuelle Evangelisationsformate verschiedenster Couleur wie Awakening Europe, Last Reformation, und die Gebetshaus-Bewegung bis hin zu neuen christlichen Bildungsformaten wie Worthaus. Diese wurden von ihm unter Zuhilfenahme der Theorieansätze von Marshall McLuhan und Niklas Luhmann differenziert eingeordnet.

In einem öffentlichen Vortrag nahm Prof. Matthias Clausen (Marburg) schließlich unter dem Thema „Dinosaurier oder Zukunftsmodell?“ Stellung zur gegenwärtigen Debatte über öffentliche Evangelisation in Gemeindeentwicklung und Missionstheologie. Er hielt dabei zunächst fest, dass Evangelisation als Kommunikation des Evangeliums mit dem Ziel, Menschen zum Glauben zu führen, definiert werden muss. Die Form öffentlicher Evangelisations-Veranstaltungen werde allerdings seit den 1980er Jahren stärker hinterfragt. In neueren Gemeindeformen wie Emerging Churches und Fresh Expressions etwa wird stärker auf langfristige Partizipation am Leben der Gemeinschaft gesetzt („belonging before believing“). Für das öffentliche Format spräche dennoch die größere Reichweite — das Evangelium ist „öffentliche Wahrheit“ (L. Newbigin). Zudem sei Evangelisation immer auch verbal und spiegele darin das extra nos des Evangeliums; dafür sei als ein Instrument unter vielen auch die öffentliche Verkündigung weiterhin sinnvoll und nötig.

Insgesamt hat sich durch die Referate und Diskussionen dieses Marburger Symposiums gezeigt, dass öffentlich inszenierte Evangelisationsveranstaltungen durchaus Aspekte besitzen, die kritisch im Auge behalten werden müssen. Im Rahmen einer modernen, reflektierten und kultursensiblen Weitergabe des Evangeliums haben Großevangelisationen aber im 20. Jahrhundert eine wichtige Funktion gehabt und sie stellen auch heute noch in manchen Kontexten eine geeignete Form der medialen Inszenierung des Evangeliums dar.

Die Tagung wurde durchgeführt in Kooperation mit der Facharbeitsgruppe Historische Theologie des Arbeitskreises für evangelikale Theologie (AfeT). Die Referate werden als Band 8 der Schriften der Evangelischen Hochschule Tabor (SEHT) veröffentlicht werden.

Das nächste Neupietismus-Symposium findet wahrscheinlich im Februar 2019 statt. Nähere Informationen finden sich demnächst an dieser Stelle.

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