Orientierung

25.01.2019: Symposium 2019 - Alter Wein in neuen Schläuchen

Tagungsbericht

Alter Wein in neuen Schläuchen?
Gemeinschaftsbewegung und Gemeindeaufbau seit den 1970er Jahren

6. Theologisches Symposium der Forschungsstelle Neupietismus an der Evangelischen Hochschule TABOR in Marburg vom 25.-26.01.2019

Die vor 130 Jahren in Deutschland entstandene evangelische Gemeinschaftsbewegung verstand sich in den Anfängen als Netzwerk von freien Vereinen, mit der Absicht volkskirchliche Defizite vor allem durch Ergänzungsangebote im Bereich der Evangelisation und Gemeinschaftspflege auszugleichen. Als sich in den 1970er Jahren in der Evangelischen Kirche neue Impulse im Bereich des Gemeindeaufbaus Bahn brachen, wurden diese auch im Bereich des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbands bewusst aufgenommen. Zusätzlich inspiriert durch freikirchliche Vorbilder und angloamerikanische Einflüsse sollte das alte Kernanliegen der Evangelisation nun durch ein verstärktes Gemeindebewusstsein neu belebt werden. Viele Landeskirchlichen Gemeinschaften entwickelten sich seitdem zu alternativen Gemeinden innerhalb der Evangelischen Kirche mit einem kompletten Angebot an Gottesdiensten, Gruppenangeboten und Kasualien.

Das 6. Symposium der Forschungsstelle Neupietismus hat diese Entwicklung der letzten Jahrzehnte historisch und systematisch-theologisch beleuchtet und nach den Ursachen, Auswirkungen und Perspektiven dieser Entwicklung gefragt. Ziel der Tagung war es, ein für den Neupietismus zentrales Themenfeld in den Blick zu nehmen, um die Wechselwirkungen zwischen Kultur, Gemeindeaufbau und Theologie besser zu verstehen und für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu lernen.

Als Einstieg in die Thematik beleuchtete Dr. Gisa Bauer (Karlsruhe) den Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverband in seinem speziellen Spannungsfeld zwischen evangelikaler Bewegung und den evangelischen Landeskirchen. Sie arbeitete heraus, dass es unter dem Gnadauer Präses Hermann Haarbeck zunächst ab 1967 zu einem Schulterschluss mit der Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“ gekommen war, wodurch sich der Gnadauer Verband in den 1970er Jahren als größte und prägendste Trägergruppe der evangelikalen Bewegung profilierte. Unter Präses Kurt Heimbucher kam es dann aber ab Anfang der 1980er Jahre zu einer radikalen Wende im Gnadauer Selbstverständnis. Nun wurden das pietistische Erbe und die Weltverantwortung verstärkt betont, man rückte wieder näher an die Landeskirchen und trat folgerichtig schließlich 1989 aus der Konferenz Bekennender Gemeinschaften aus.

Im zweiten Vortrag skizzierte Prof. Dr. Thorsten Dietz (Marburg) die ekklesiologische Entwicklung der Gemeinschaftsbewegung in den 1970er und 1980er Jahren, als in Landeskirchlichen Gemeinschaften verstärkt das Bedürfnis und das Bewusstsein entstand, sich nicht nur als Initiativgruppe innerhalb einer Kirchengemeinde, sondern als eigenständige Gemeinde zu verstehen. Die theologischen Diskussionen dieses Prozesses wurden von zwei berechtigten Anliegen inspiriert: 1. Wie lassen sich neue missionarische Arbeits- und Gemeindeformen entwickeln? 2. Wie versteht Gnadau seinen Ort in der Geschichte des neueren Protestantismus? Die Zukunftsfähigkeit eines prinzipiellen Festhaltens an einer innerkirchlichen Verortung wurde dabei immer häufiger in Frage gestellt. Am Ende dieser Debatte habe sich für viele gezeigt, dass eigenständige Arbeitsformen und eine Verbundenheit mit der Evangelischen Kirche kein Gegensatz sein müssten.

Anschließend schilderte Landeskirchenrat i.R. Klaus Teschner (Kaarst) prägende Entwicklungen des missionarischen Gemeindeaufbaus im Bereich der Evangelischen Landeskirchen seit dem 2. Weltkrieg. Dies diente einer Einordnung der Gnadauer Entwicklungen in den Kontext geistlich verwandter Strömungen innerhalb der Evangelischen Kirche. Der Vortrag machte deutlich, dass sich nach erwecklichen Ansätzen in den ersten zwei Nachkriegsjahrzehnten in den 1960er Jahren ein verstärktes innerkirchliches Krisenbewusstsein entwickelte. Missionarisch orientierte Gruppierungen versuchten deshalb seit den 1970er Jahren verschiedenste Initiativen zu einer Neubelebung einzubringen. Wirkungsreich wurden dabei vor allem die Impulse der Lausanner Kongresse von 1974 und 1989, die ProChrist-Evangelisationen, die Missionale-Kongresse, Anregungen der anglikanischen Fresh Expressions Bewegung sowie Eberhard Jüngels Grundsatzreferat auf der EKD-Synode 1999.

Danach erläuterte Prof. Dr. Johannes Zimmermann (Marburg) in seinem Vortrag „Von der Gemeinschaft zur (Gemeinschafts-)Gemeinde“ die Entwicklung des Gemeindeaufbaubewusstseins innerhalb der Gemeinschaftsbewegung seit den 1970er Jahren. Er veranschaulichte die anfänglichen Motivationen, die damit verbundenen Konflikte und die Unterschiedlichkeit der Situationen in der Gegenwart. Dabei stellte er heraus, dass sich erst durch die Rezeption der „Frexh expressions of church“ nach der Jahrtausendwende Verbindungen zum missionarischen Gemeindeaufbau in den Landeskirchen finden lassen. Ekklesiologische Kernthemen sind in Gnadau immer wieder die Fragen der „missionarischen“ und „biblischen“ Gemeinde, aber auch die Selbstverortung in der Beziehung zu den Evangelischen Landeskirchen. Herausforderungen bestehen in der Gestaltung von Gottesdiensten, des Miteinanders innerhalb der Gemeinden und zu anderen Gemeinden – und in der Wahrnehmung des missionarischen Auftrags.

Der erste Veranstaltungstag schloss mit einer besonderen Abendveranstaltung. In einem „Zeitzeugengespräch“ wurden vier Protagonisten der neuesten Gnadauer Zeitgeschichte interviewt. Dr. Christoph Morgner (Gnadauer Präses 1989-2009), Theo Schneider (Gnadauer Generalsekretär 1987-2014), Harry Wollmann (Direktor der Studien- und Lebensgemeinschaft Tabor 1997-2013) und Rainer Keupp (Mitglied der Gnadauer Mitgliederversammlung 1973-2016) gaben spannende und erhellende Einblicke in die Entwicklungen, Krisen und Entscheidungsprozesse der deutschen Gemeinschaftsbewegung.

Der zweite Tag des Symposiums begann nach einer Morgenandacht mit einem Referat von Kathinka Hertlein (Marburg) zum Thema „Prediger oder Pastor?“, worin sie sich mit dem veränderten Rollenverständnis von Hauptamtlichen in der Gemeinschaftsbewegung seit den 1970er Jahren auseinandersetzte. Speziell nahm sie die gewandelte Berufsrolle von Hauptamtlichen der Studien- und Lebensgemeinschaft TABOR unter die Lupe, die sie im Rahmen eines Dissertationsprojektes untersucht hat. Es ergab sich dabei, dass Tabor-Prediger bis in die 1970er Jahre vor allem evangelistisch, u. a. als Bezirksprediger, tätig waren. Durch die seitdem in der Studien- und Lebensgemeinschaft TABOR breit rezipierten Impulse der Gemeindewachstumsbewegung wandelte sich das Evangelisationsverständnis und dadurch auch das Rollenverständnis der Prediger in der Gemeinschaftsbewegung, die sich somit mehr und mehr auch als Gemeinschaftspastoren verstanden.

Anschließend beschäftigte sich Dr. Wolfgang Reinhardt (Kassel) mit den Gemeindeaufbauimpulsen des früheren Herner Superintendenten Fritz Schwarz (1930-1985). Dieser hatte das erste umfassende deutsche Gemeindeaufbau-Programm entwickelt und 1984 die erste „Theologie des Gemeindeaufbaus“ im deutschsprachigen Raum herausgegeben. Wie kein anderer hat er die Abwehrmechanismen gegen einen missionarischen Gemeindeaufbau innerhalb der Volkskirche identifiziert. Ausgangspunkt war für Schwarz die Freude am „einfachen Evangelium“. Normativ für den Gemeindeaufbau müssten aus seiner Sicht die neutestamentlichen Grundelemente von Gemeinde sein, die sich bei aller Verschiedenheit der Gemeindeordnungen als „Glaube, Gemeinschaft und Dienst“ bestimmen lassen. Grundlegend für Schwarz‘ Ekklesiologie und Praxis, die in keine der üblichen Schubladen passte, war die von Emil Brunner inspirierte Unterscheidung von Kircheninstitution und Ekklesia. Diese definierte er als „eine personale Gemeinschaft mit Jesus und mit Schwestern und Brüdern, deren Glaube in der Liebe tätig wird“. Die bleibende wichtige Funktion der Kircheninstitution besteht nach ihm vor allem darin, dass sie dem Werden von Ekklesia dienen kann.

Mit einem Blick über den deutschen Tellerrand hinaus skizzierte Dr. Frank Hinkelmann (Petzenkirchen/Österreich) sowohl die historische als auch die ekklesiologische Entwicklung der österreichischen Gemeinschaftskreise. Insbesondere wurde dabei auf den Christlichen Missionsverband in Kärnten (CMV) – vormals Christlicher Missionsverein, den Scharnsteiner Bibelkreis, die Österreichische Volksmission sowie den Evangeliumsdienst eingegangen. Insgesamt gesehen zeigte sich ein vielfältiges Bild: Während der CMV und der Scharnsteiner Bibelkreis bis heute Mitglied im Gnadauer Verband sind, schlugen die meisten Gruppen der Österreichischen Volksmission genauso wie die Gemeinden des Evangeliumsdienstes einen freikirchlichen Kurs ein.

Danach machte Eduard Ferderer (Linsengericht) deutlich, dass die Neupietismus-Forschung in Zukunft bei der Thematisierung des Verhältnisses von Gnadauer Verband und Landeskirche ein besonderes Augenmerk auf die Rolle der Pfarrer-Gebetsbruderschaft (PGB – heute Pfarrerinnen- und Pfarrergebetsbund) werfen sollte. Während der Ära von Walter Michaelis, der lange Jahre gleichzeitig Gnadauer Präses und PGB-Vorsitzender war, kam es nach 1945 zu einer deutlichen Annäherung Gnadaus an die Landeskirchen. Unter Hermann Haarbeck kühlte das Verhältnis dann sowohl zur PGB als auch zu den Landeskirchen wieder ab. Auffällig erscheint vor allem, dass neu belebte Kontakte zwischen Kurt Heimbucher und führenden Vertretern der PGB (wie z.B. Theo Sorg) zeitgleich auch eine erneute Annäherung an die Landeskirchen in den 1980er Jahren begünstigten. Als Ergebnis ergab sich somit, dass der Pfarrergebetsbruderschaft eine Schlüsselrolle für das Verhältnis von Gemeinschaftsbewegung und Evangelischer Kirche im 20. Jahrhundert zugesprochen werden kann.

Zum Abschluss des Symposiums machte sich Prof. Dr. Norbert Schmidt (Marburg) unter dem Titel „Pragmatische Ekklesiologie“ auf eine Spurensuche in die Geschichte des Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverbandes (DGD). Dieses Werk zeichnete sich seit seiner Gründung besonders dadurch aus, dass es dem Ziel der Evangelisation, in der damaligen Sprache der „Seelenrettung“, alles andere unterordnete. Dies galt auch für die Ekklesiologie, die zwar wie in der gesamten Gnadauer Bewegung volkskirchlich bestimmt war, in der jedoch die Praxis und die geistliche Erfahrung Vorrang vor überkommenen biblisch-theologischen Begründungen hatte. Dies wurde anhand der Geschichte des DGD an verschiedenen Stellen herausgearbeitet. Das Referat beschrieb abschließend die Herausforderung, die Ekklesiologie im Besonderen und die Theologie im Allgemeinen als konstruktiv-kritische Gesprächspartner zu würdigen, mit dem Ziel das alte und biblisch zentrale evangelistische Anliegen zu fördern und nachhaltig zu stärken.

Insgesamt wurde auf der Tagung deutlich, welche immensen Umbrüche innerhalb der deutschen Gemeinschaftsbewegung in den letzten 50 Jahren stattgefunden haben. Während sich Landeskirchliche Gemeinschaften bis in die 1960er Jahre hinein fast ausschließlich als eine Art Ergänzungsangebot zu einer Kirchengemeinde verstanden hatten, kam es seit den 1970er Jahren angestoßen durch Impulse aus der Gemeindewachstumsbewegung an vielen Orten zu einem Paradigmenwechsel. Immer mehr Landeskirchliche Gemeinschaften übernahmen die Ansicht, dass sie evangelistisch effektiver sein können, wenn sie sich selbst nicht nur als „Gemeinschaft“, sondern als eigenständige „Gemeinde“ verstehen. Vielfach wurde deshalb die Gemeinschaftsstunde auf den Sonntagvormittag verlegt und zum „Gottesdienst“ umfunktioniert. Daneben wurden die Programmangebote immer mehr ausgeweitet und schließlich auch Regelungen gefunden, wie man auch in Landeskirchlichen Gemeinschaften kirchlich anerkannte Amtshandlungen (Taufen, Trauungen, Konfirmationen) durchführen konnte. Dadurch gelang es, trotz einer stärker eigenständigen Profilierung einen innerkirchlichen Gesamtkurs der Bewegung beizubehalten.

Die Tagung wurde durchgeführt in Kooperation mit der Facharbeitsgruppe Historische Theologie des Arbeitskreises für evangelikale Theologie (AfeT). Die Referate werden als Band 10 der Schriften der Evangelischen Hochschule Tabor (SEHT) im Jahr 2020 veröffentlicht werden.

Das nächste Neupietismus-Symposium findet aller Voraussicht nach am 05.-06.02.2021 statt. Nähere Informationen finden sich demnächst an dieser Stelle.

 

Top